Kultur : Leben im Grab

Berliner Ensemble: Tabori inszeniert sein „Jubiläum“

Christoph Funke

„Mach kein Theater“, schreibt George Tabori und: „Sollte das Theater überleben, so müsste es sich mehr mit dem Leben beschäftigen und weniger mit dem Theater.“ Das Berliner Ensemble stellt diesen Satz dem Programmbuch zu dem am 30. Januar 1983, also fünfzig Jahre nach Hitlers Machtergreifung, in Bochum uraufgeführtem Stück „Jubiläum“ von George Tabori voran. Es spielt auf einem Friedhof am Rhein, heute, die Toten kommen aus den Gräbern, „um sich dessen zu erinnern, was sie lieber vergessen würden.“

Die Toten machen Theater. Sie sind Juden, sie spielen ihre Vernichtung nach, durchleben sie zum zweiten, zum dritten Mal. Kindheit kehrt wieder, herzrührende und bitterböse Verwandlungen finden statt, die Zeiten sind frei. Witze gehen von einem verwüsteten Mund zum anderen. Melodien und Lieder wehen über den Friedhof, Musik aus dem „Parsifal“ erklingt, der Sänger, von den Nazis umgebracht wie die anderen auch, kommt als Geist zurück. Er bringt einen Laib Brot auf den Friedhof, gebacken in Auschwitz? Das Brot, gebrochen und verteilt, schmeckt den Toten komisch. Sie nehmen es hin, denn: „Wir sind schon komische Leut“. Das ist der letzte Satz.

Mach kein Theater. Im Berliner Ensemble hat sich George Tabori streng daran gehalten. Die Probebühne, nackt und weiß, ist mit gefallenem, wie mit Schnee oder Mehl bestäubtem Laub bedeckt (Bühnenbild: Etienne Plus). Tabori meidet jeden Effekt, jede Anleihe ans Mythische, nimmt die Doppelbödigkeit des Geschehens als selbstverständlich hin, lässt die Darsteller erzählen, ruhig, gefasst, gelassen. Mitunter scheint es, man sei bei einer lockeren Probe zu Gast.

Tabori, der 91-Jährige, erzwingt eine Aufmerksamkeit, die von nichts Äußerlichem abgelenkt wird. Es gibt große Szenen. Ursula Höpfner zeigt als Lotte mit gebändigter Kraft, ganz schlicht, das Heraufziehen des Todes im steigenden, würgenden Wasser. Christina Drechsler macht die verwachsene Spastikerin Mitzi zum Kind zwischen verzweifelt gesuchter Natürlichkeit und dem Wissen um die Not der Opfer – wie sie Arnold, dem Musiker, das Morden erzählt, sich steigert vom Mitleid zur Anklage, das nimmt den Atem. Martin Seifert, der den Musiker Arnold spielt, bringt eine fast schon schweißglänzende Güte ins Spiel, ein Allverstehen, das um die Abgründe des Menschen weiß. Und dann kommt Traugott Buhre als Geist. Er hat nur ein paar abgerissene Sätze. Mehr braucht er nicht. Er ist unverwechselbar – eine Huldigung an George Tabori.

Wieder am 24. und 25. Juni.

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