Kultur : Leben im Labor

Für Markus Raetz gilt auch in Basel: Erst der Betrachter vollendet das Werk.

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Träume, Schäume. Sandzeichnung, 1980 Foto: M. P. Bühler/Kunstmuseum Basel/© Pro Litteris
Träume, Schäume. Sandzeichnung, 1980 Foto: M. P. Bühler/Kunstmuseum Basel/© Pro Litteris

Ein Hase ist ein Hase ist ein Mann mit Hut: Wohl kaum ein zeitgenössischer Künstler versteht sich auf Metamorphosen und Mehrdeutigkeiten so gut wie der Schweizer Markus Raetz. Schon in seinen ersten Schaffensjahren lud man den Berner Ende der Sechzigerjahre zur documenta nach Kassel ein. Auch Harald Szeemann, damals Leiter der Kunsthalle Bern, war einer seiner frühen Förderer. Mittlerweile existieren allein 30 000 Zeichnungen von Raetz, daneben Aquarelle, Polaroid-Fotos und Skulpturen. 200 davon präsentiert nun das Kunstmuseum Basel.

Die Ausstellung – in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler kuratiert – ist eine Retrospektive, die das vermeintliche Wissen des Rezipienten über das Objekt seiner Betrachtung infrage stellt: Scheinbar Unzusammenhängendes fügt sich zu einem Ganzen, die stärkste Kontur ist die fragilste. Dabei greift der, der da den Besucher herausfordert, auf eine ungewöhnliche Bandbreite an Mitteln und Techniken zurück.

Markus Raetz arbeitet mit verdünnter Tinte, mit Tusche und Filzstift, baut Fundstücke aus der Natur ein. Diese Vielseitigkeit haben ihm Kritiker oft als Unentschlossenheit ausgelegt. Genau darin aber besteht Raetz’ roter Faden. Im Einfall, dem schier unbedarften Experimentieren. Aus kantigen Streichholzstückchen entwirft er eine dreidimensionale Figur, die entspannter und weicher in ihrer Anmutung kaum sein könnte. Einschränkungen durch das Material – das gibt es für ihn nicht.

Zu seinen bekanntesten Werke zählt die Installation „Nach Man Ray“: zwei parallel aufgestellte Zylinder mit asymmetrischen Kanten. Indem sie sich um die eigene Achse drehen, lassen sie in ihrer Mitte die Silhouette einer Frau entstehen, die lasziv die Hüften bewegt.

Erotik wird von Markus Raetz oft mit einfachsten Mitteln erzeugt. Dort malt er eine Nackte in den Sand, hier fotografiert er drei gekonnt angeordnete Äste. Erst auf den zweiten Blick ergeben auch seine flüchtig ausgeführt wirkenden Raster-Bilder eine Straßenszene, ein Gesicht. Immer verlässt Raetz sich auf den Betrachter. Erst dieser vollendet das Werk, indem er die Augen zusammenkneift oder zurücktritt.

Ein solches Spiel mit der Wahrnehmung, mit Unschärfen und Perspektivwechseln, ist dabei jederzeit unprätentiös – weil nie das Ergebnis, sondern vielmehr der Schaffensprozess im Mittelpunkt steht. So wird der Gang durch die Ausstellung zum Gang durchs Labor. Auch 60 Skizzenbücher sind zu sehen.

Wer mit dem Gedanken spielt, eine Reise in die Schweiz zu machen, sollte sich als Entscheidungshilfe eine Skulptur mit dem Titel „Crossing“ ansehen. Videos finden sich im Internet. Je nach Standort verändert das Werk seine Aussage. Ein Nein ist ein Nein ist ein Ja, aus „No“ wird „Yes“. Maris Hubschmid

Die Ausstellung wird bis 17. Februar gezeigt, Infos: www.kunstmuseumbasel.ch

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