Kultur : Leben im Viereck

Regalobjekte von Andrea Zittel bei Sprüth-Magers

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Kann man brauchen.
Kann man brauchen.

Andrea Zittel hat eine Schwäche für Ordnungen, Systeme, Raster. Das klingt mathematisch, streng diszipliniert. Doch in ihrer neuesten Ausstellung „Pattern of Habit“ in der Galerie Sprüth Magers bildet sich diese Sehnsucht nach einem geregelten Leben, die das anbrandende Chaos der Außenwelt in Schach hält, in einer poetischen Metapher ab. Der riesige Ausstellungssaal, zu zwei Dritteln in Grau gefasst und dadurch selbst auf einmal eine riesige Schachtel, birgt lauter weiße Regale, die sich als modulares System zusammensetzen. Mal hängen sie als Cluster an der Wand, dann stehen sie als freie Skulpturen auf dem Boden. Obwohl sie aus klaren Rechteckformen gebaut sind, wirken sie wie organische Gebilde, Korallen ähnlich, die sich additiv verlängern. Oder Salzkristallen, die nach klaren Regeln wild wuchern. Ein Hauch Anthroposophie schwebt über dem Ganzen, Rudolf Steiner hätte seine Freude daran.

Ihm würde auch die Idee dahinter gefallen. Denn Andrea Zittel hat hier ein alltägliches Phänomen ihres Lebens am Rand der kalifornischen Mojave-Wüste in Kunst überführt und zugleich wieder in den Alltag eingespeist. Tag für Tag erhält sie per Online-Service Pakete, denn das nächste Geschäft ist weit. Das führte dazu, dass sich Kartons jeglicher Größe an einer leeren Wand ihres Hauses stapelten, die der Künstlerin zu schade zum Wegwerfen waren. Als dann ein Regal improvisiert werden musste, kamen die ausrangierten Schachteln gerade recht. Es war nur noch ein kleiner Schritt, die Kartons miteinander zu verleimen, mit Gips zu verspachteln und weiß anzumalen: Das perfekte Gebrauchsobjekt mit minimalistischem Touch war erfunden. Bei Sprüth Magers sind nun Glasobjekte, alte Bücher, dekorative Kürbisse hineingestellt, so dass der Betrachter zunächst nicht genau weiß, ob es hier um Form oder Inhalt geht.

Bei Andrea Zittel fällt beides zusammen, so wie Kunst und Leben. Die amerikanische Künstlerin ist darin eine späte Nachfahrin des Bauhauses. Gern wird sie mit Anni und Josef Albers verglichen, ihre Arbeiten erfassen den ganzen Menschen: Andrea Zittel baut ihm Häuser, kleidet ihn ein und entwirft für ihn Möbel. Als sie 1997 erstmals in Deutschland bei den Skulpturen-Projekten in Münster mit ihren „Escape-Vehicles“ auftrat, einer Art Wohnwagen en miniature, in denen sich das gesamte Leben auf engsten Raum organisiert, die perfekte Zufluchtsstätte für die innere Einkehr, war man entzückt, verwundert, verwirrt. Die heute 45-Jährige meinte es damals schon ernst mit einem geordneten, gekastelten Leben, das dem Menschen darin um so mehr Freiheit schenkt.

Ein Abbild dieser Philosophie war auch ihre eigene Kleidung, die „Six Months Uniform“, die jeglichen modischen Anflug leugnete und am Ende im Geist der russischen Konstruktivisten sogar nur aus einem rechteckigen Stück Stoff geschneidert werden durfte. Vor zwei Jahren präsentierte sie die tragbarere Variante bei Sprüth Magers: den „Smock“, eine Art Kittel, den sie von verschiedenen Künstlern gestalten ließ und der dadurch den Reiz des Unikats besaß. Damals war er der Renner, ähnlich wie auch jetzt die schlichten, formschönen Regale ihre Liebhaber gewinnen werden, denn die Anwendbarkeit macht diese gestrenge Kunst heiter und leicht rezipierbar (Preise: 5000-200 000 $).

Andrea Zittels Kunst ist ihr zunächst auf den Leib geschneidert. An sich selbst probiert sie die Praktikabilität von Ideen der Konzeptkunst aus. Das kann seine komischen, seine traurigen, seine poetischen Seiten haben wie jene Titel gebende Arbeit „Pattern of Habit“. 39 Tage lang zeichnete sie in einem Raster die Zeiten auf, die sie mit dem Schreiben von E-Mails verbrachte, mindestens fünf Stunden am Tag, denn am Rande der Wüste ist sie auf diese Art der Kommunikation mit der Außenwelt angewiesen, allein um ihre Kunstprojekte und Ausstellungen zu realisieren. Nun ist in der Galerie eine Stellwand errichtet, auf der wie auf einem großen Schulstundenplan die Tage und Stunden eingezeichnet sind. Die mit dem Internet verbrachten Zeiten sind in Form schwarzer Schachteln dargestellt, eine Art schwarze Löcher, in der alles Leben verschwindet. Nur an bestimmten Nachmittagen, da herrscht erstaunliche Leere. Das sind die Stunden, die Andrea Zittel mit ihrem Sohn verbracht hat. Sie ließen sich nach diesem System nicht einkasteln. Zum Glück.

Galerie Sprüth Magers, Oranienburger Str. 18, bis 10.9.; Di-Sa 11-18 Uhr.

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