Kultur : Leben mit dem Saatchi-Effekt - Interview mit Ingvild Goetz

Der Markt für zeitgenössische Kunst sche

Der Kunst wollte sie einen Raum geben. Deshalb beauftragte die in München lebende Sammlerin Ingvild Goetz die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, für ihre Sammlung ein Gebäude zu entwerfen. Im Frühjahr 1993 eröffnete sie ihr Museum, in dem in halbjährlichem Rhythmus Ausstellungen aus dem eigenen Bestand gezeigt werden. Diese erweitert Ingvild Goetz kontinuierlich.Derzeit umfasst diese Sammlung rund 1500 Werke aus den Bereichen Malerei, Skulptur, Fotografie, Video und Grafik von den sechziger Jahren bis zur Gegenwart. Vom 24. Januar bis zum 20. Mai zeigt Ingvild Goetz Teil 2 ihrer umfangreichen Sammlung von Werken der italienischen Arte Povera: "Arbeiten von 1973 bis heute". Geöffnet nach telefonischer Voranmeldung: Tel 089/95 93 96 90; Fax: 089/95 93 96 969. Das Gespräch führte Eva Karcher.

Der Markt für zeitgenössische Kunst scheint derzeit zu explodieren. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Auf den Auktionen dieses Winters, vor allem in New York und London, hat sich deutlich gezeigt, dass der Markt aus den Fugen geraten ist. Wir befinden uns, wie schon einmal ein Jahrzehnt zuvor, in der Phase eines finanziellen Booms. Viele lassen sich mitreißen. Da gibt es die Händler, die jetzt mit einem Kunstwerk viel Geld verdienen können, das sie vor längerer Zeit günstig gekauft haben. Andere kaufen ein in der Hoffnung, mit schnellem Wertzuwachs wieder zu verkaufen. Und für manche ist der Wertzuwachs eine Garantie dafür, dass sie ein bedeutendes Kunstwerk erhalten; was jedoch nicht immer der Fall ist.

Wer zahlt die momentanen Rekordpreise auf Auktionen?

Einige Käufer stammen sicher aus dem Umfeld der Börse. Dort wird zurzeit so viel Geld verdient, dass es egal ist, ob eine Arbeit 20 000 oder 200 000 Dollar kostet. Der andere Kreis sind, wie schon erwähnt, Sammler, die gerne auf Nummer sicher gehen und meinen, dass die momentane Wertsteigerung der Maßstab für den Erfolg eines Künstlers ist. Ja, und dann gibt es den Sammler, der unbedingt noch diese oder jene Arbeit für seine Sammlung benötigt. Verpasste Chancen können jetzt wieder wett gemacht werden. Angesichts der hohen Preise sind viele Sammler bereit, sich von sehr guten Arbeiten zu trennen, die somit wieder auf den Markt kommen.

Entsteht so der Saatchi-Effekt?

Der Londoner Sammler Charles Saatchi ist wohl mit ausschlaggebend für die herrschenden Strukturen. Er versucht, Einfluss zu nehmen. Mit seiner Strategie hat er viel erreicht, vor allem regelmäßige Skandale. Und die führen heute zuverlässig zu einer Wertsteigerung. Saatchi ist sicherlich Vorbild für eine junge Generation, die sich an dem mißt, was er kauft. Für mich ist es ein interessantes Phänomen, wie ein bestimmter Kreis allein auf Namen reagiert.

Weil es vorrangig um das Image von junger Kunst geht. So wird ein riesiger Verschleiß an Ware erzeugt .

Ja, und eine ungeheure Beschleunigung des Marktes. Selbst die ganz jungen Künstler werden gekauft, von denen man den Werdegang noch gar nicht kennen kann. Ich sehe dieser Entwicklung mit Faszination zu, aber ich bedauere sie auch. Beängstigend ist, dass die Idee einer konsequenten Sammlung bei dieser Preisdynamik nicht mehr aufrecht erhalten werden kann.

Die Kunst wird zum saisonalen Modeartikel.

Diese Gefahr besteht. Ich frage mich, wie weit Kunst überhaupt noch Einfluss nimmt. Sie hat ja auch einen sozialen, kritischen Anspruch. In dieser Schnelllebigkeit kann sie gar keine Wirkung mehr haben. Dennoch ist klar: Gute Kunstwerke überleben, egal, ob ein Trend oder Boom angesagt ist.

Kaufen Sie auf Auktionen?

In der flauen Phase Anfang der neunziger Jahre, als Kunst billig auf den Markt geworfen wurde, habe ich gekauft. Ich konnte bestimmte Arbeiten erwerben, die ich mir in der Boomphase der Achtziger nicht leisten konnte oder wollte, weil ich sonst auf andere Arbeiten hätte verzichten müssen. Es gibt für mich eine bestimmte finanzielle Grenze. Derzeit kaufe ich kaum auf Auktionen, und wenn ich es manchmal versuche, setze ich mir ein Limit. Leider rasen die Preise davon. Es ist schade, dass ich jetzt manchmal einen bestimmten Künstler nicht weitersammeln kann, aber damit muss ich leben.

Diktiert der Auktionsmarkt die Preise?

Indirekt schon. Weil sich Galeristen in der Regel an dem einen, besonders hoch gestiegenen Preis orientieren. Dabei ist der Auktionsmarkt so instabil wie kein anderer. Ein Bild kann heute 160 000 Dollar bringen, und morgen 50 000, je nachdem, welche Interessenten gerade anwesend sind und wie angeheizt die Stimmung ist. Deshalb bedarf es einer gewissen Charakterstärke, als Galerist zu sagen, wir haben einen bestimmten Preis, und den steigern wir nur langsam. Sonst kann man keinen ernsthaften jungen Sammlerkreis aufbauen.

Gibt es sie denn, die jungen Sammler?

Seit den sechziger Jahren kenne ich den Kunstmarkt. Bis in die achtziger Jahre gab es immer junge Sammler. Umso mehr erstaunt mich, wie selten ernsthafte und systematisch vorgehende Sammler in den neunziger Jahren anzutreffen sind!

Wie erklären Sie diese Beobachtung?

Zum einen ist sicherlich der finanzielle Faktor ein Grund. 10 000 Mark als Einstiegspreis sind meiner Meinung nach zu hoch. Früher hielten die niedrigen Preise über Jahre an. Man konnte in Ruhe schauen und kaufen. Heute verhindert die Geschwindigkeit, mit der die Preise erhöht werden, den Aufbau einer konsequenten Sammlung. Wie sollen junge Sammler mithalten? Zum anderen gibt es einen Galerien- und Kunstüberfluss. Eine Kunstmesse verwirrt mehr, als sie informiert. Wie und wo kann sich heute ein junger Sammler konzentrieren?

Gibt es Möglichkeiten, sich den Marktmechanismen zu entziehen?

Ich glaube, für viele junge Künstler ist die Vorstellung schrecklich, auf eine Auktion zu kommen. Andererseits gibt es wenige Künstler, die einen stabilen Markt einem boomenden vorziehen und Wert auf einen ganz bestimmten Sammlerkreis legen und dahingehend Einfluss auf ihren Galeristen nehmen. Oder die darauf achten, in welche Sammlungen und Museen ihre Arbeiten gelangen. Hier liegt eine große Verantwortung bei den Künstlern, aber auch den Galerien. Die dürfen angesichts eskalierender Preise die Nerven nicht verlieren. Denn wenn der Markt auf Grund völlig falscher Preisvorstellungen zusammenbricht, ist das für Künstler wie Galeristen fatal.

Tauschen auch Sie sich mit anderen Sammlern über die Situation aus?

Ja. Die typischen Sammler haben einen ganz eigenen Rhythmus. Wenn sie unter dem Druck stehen, sich innerhalb von einem, zwei Tagen für eine Arbeit zu entscheiden, müssen sie aussteigen. Es geht nicht nur um das Bezahlen oder nicht Bezahlen können, es geht um die Zeit, die man braucht, um sich für eine Arbeit zu entscheiden. So geraten manchmal wichtige Werke in wenig bedeutende Sammlungen.

Wird die nächste Sammler-Generation aus Spekulanten bestehen?

Das glaube ich nicht. Aber ich beobachte, dass der Markt in Entsprechung zu unserer schnelllebigen Zeit einen neuen Sammlertypus heranzieht, ich nennen ihn den Ohr-Sammler. Daraus, dass etwas teuer geworden ist, schließt er, dass es gut sein muß. Der klassische Augen-Sammler wählt nach komplexeren Kriterien. Er hat ein persönliches Anliegen.

Und erst dann kann ein Konzept entstehen?

Ja. Es geht um den eigenen Blickwinkel. Ein Sammler muss viel schauen und vergleichen, nur so kann er eine individuelle Sammlung aufbauen. Zunächst muss er sich fragen, was er von der Kunst will und dann anfangen, nach ihr zu suchen, was sehr zeitaufwendig ist.

So hat sich Ihr Konzept allmählich herauskristallisiert?

Ja. Nach meiner Galerietätigkeit habe ich mich 1984 zunächst darauf konzentriert, Kunst der italienischen Arte Povera zu sammeln. Anschließend habe ich mich jungen amerikanischen Künstlern der achtziger und neunziger Jahre zugewandt wie Mike Kelley, Jessica Stockholder, Richard Prince, Rober Gober und Matthew Barney, und parallel einer kleinen Gruppe deutscher Künstler, so Rosemarie Trockel, Thomas Schütte, Andreas Gursky, Thomas Struth. Seit den neunziger Jahren liegt mein Schwerpunkt bei den jungen britischen Künstlern.

Gibt es ein Sammlungsprinzip?

Sicherlich hat jeder ein individuelles Prinzip. Ich zum Beispiel sammle in punktuellen Gruppen. Dabei ist interessant, dass manche Künstler, die vom Markt als hoffnungslos über Bord geworfen wurden, in meiner Sammlung sehr wichtige Positionen haben. Zum Beispiel Cady Noland, die zur Zeit nicht öffentlich ausstellen will. In meiner Sammlung würde eine große Lücke entstehen, wenn ich ihre Arbeiten jetzt verkaufen wollte. Sie bedeutet mir sehr viel. Wenn man wie ich komplette Positionen sammelt, also die politische und zeitkritische Aussage von Kunst im Mittelpunkt steht, muss man bestimmte Künstler einbeziehen, selbst wenn der Markt sie vergessen hat. Daran sieht man, wie unwichtig der Markt ist, wie subjektiv auf bestimmte Künstler fixiert! Erst im Zusammenhang einer Sammlung kann man die Bedeutung einzelner Künstler für eine bestimmte Entwicklung erkennen.

Also überschätzen viele Sammler und auch Galeristen den Markt?

Ja. Ein ernsthafter Sammler sieht sich auch die Künstler an, die nicht permanent auf Auktionen oder Ausstellungen auftauchen. Er versucht, Verbindungen zwischen Künstlern herzustellen. In meiner Sammlung fehlen einige große Namen wie Jeff Koons, weil er im Kontext meines Konzepts keine Bedeutung hat. Dafür gehört Barbara Bloom hinein, die viele vielleicht nicht kennen. Erst dann macht eine Sammlung Spaß, wenn ihre Konturen immer deutlicher werden.

Ist Ihnen die persönliche Beziehung zu den Künstlern wichtig?

Sehr. Besonders wenn man, wie ich, ganz früh kauft. Wenn ich die Künstler kennenlerne, kann ich ihre Ideen und Inhalte besser verstehen und so feststellen, ob sie in mein Konzept passen. Dafür brauche ich allerdings Zeit.

Welchen Rat geben Sie Sammlern?

Wenn möglich, sollten sie sich vom verführerischen Markt freimachen. Er sollte nur benutzt werden, um eine Sammlung zu vervollständigen. Denn er ist ein kurzlebiges Phänomen. Sammeln sollte ein persönliches Abenteuer sein, mit ganz individuellen Erfahrungen und aufregenden Begegnungen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar