Kultur : Leben mit dem Treibhauseffekt - ein Umwelt-Essay von Mark Hertsgaard

Roman Rhode

Es steht schlecht um unsere Welt. Im "Millenium-Bericht", den die Koordinatoren des UN-Umweltprogramms erst kürzlich veröffentlicht haben, wird der menschliche Eingriff in die Natur als "besonders zerstörerisch" bewertet. Vor allem das ausgehende Jahrhundert habe zu einer eklatanten Verschlechterung der globalen Lebensbedingungen geführt. Schon jetzt könne die globale Erwärmung aufgrund des Treibhauseffektes nicht mehr aufgehalten werden, die Kohlendioxid-Konzentration in der Luft (1996 waren es 23,9 Milliarden Tonnen) habe einen Rekordstand erreicht. 25 Prozent der insgesamt 4 630 Säugetierarten wie auch 11 Prozent aller Vogelarten seien vom Aussterben bedroht.

Derlei Zahlen beeindrucken zunächst durch ihre Größenordnung. Aber zugleich übersteigen sie unser Vorstellungsvermögen - und verlieren damit viel von ihrer Signalwirkung. So paradox es scheint, manchmal ist es eindrucksvoller, den Teufel im Detail hervorzuheben. Wer zum Beispiel die gewaltige Kraft eines Wirbelsturms vor Augen führen will, wird dazu neigen, von ausgerissenen Bäumen oder durch die Luft fliegenden Bussen zu sprechen. Erwähnt er dagegen, dass er eine Holztür sah, in die sich ein Strohhalm wie ein Nagel eingebohrt hatte, dann hat man plötzlich ein Maß für die Wucht der rasenden Luftstöße. Auf solches Pars pro toto greift der amerikanische Journalist Mark Hertsgaard zurück, dessen Buch über die Zukunft unserer Umwelt zeitgleich mit dem UNEP-Bericht erschienen ist. Hertsgaard untersucht das Verhalten der Menschen in Bezug zu den Ökosystemen der Erde.

Das tut er allerdings nicht vom Schreibtisch aus, sondern anhand eigener Beobachtungen. Sechs Jahre ist er um die ganze Welt gereist: "nicht als Wissenschaftler, sondern als Enthüllungsjournalist, gerüstet mit einer unstillbaren Neugier und der Freiheit des Forschens." Hertsgaard bietet nicht nur dem blinden Optimismus der Automobil-, Kohle- und Öllobbies die Stirn. Er verweigert sich auch der Zivilisations- und Kapitalismuskritik ökologischer Fundamentalisten. So etwa schlägt der Autor marktwirtschaftliche Lösungen für das globale Umweltproblem vor. Die Wiederherstellung der Umwelt könne "eine der größten Geschäftsideen des kommenden Jahrhunderts" werden. Hertsgaard nennt das Beispiel des Pentagons: Das US-Verteidigungsministerium hatte der Computerindustrie in den sechziger Jahren zum Durchbruch verholfen. Ähnlich könnten staatliche Behörden auch die massive Entwicklung umweltfreundlicher Technologie in Gang setzen.

Zwar klingt Hertsgaards Fazit ernüchternd: "Die Aussichten sind unsicher, es ist schon spät, die Erde ist sowohl ein Ort der Schönheit wie der Verzweiflung." Doch er hatte das Glück, während der Arbeit an seinem Buch in der Nähe der Redwoods zu wohnen. Die tausendjährigen Mammutbäume wurden ihm zum Sinnbild einer kräftigen und ausbalancierten Natur. "Ihre uralte Vergangenheit machte mir Mut, die Unternehmungen der Menschen langfristiger zu betrachten."Mark Hertsgaard: Expedition ans Ende der Welt. Auf der Suche nach unserer Zukunft. S. Fischer, Frankfurt 1999. 528 S., 49,80 Mark.

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