Kultur : Leben mit Schildkröten

Steffen Richter

Manchmal gibt es richtig gute Nachrichten aus Amerika: Ein neuer Roman von Thomas Pynchon ist annonciert! Amazon vermeldet, dass er „Against the Day“ heißen soll, 992 Seiten stark ist und am 5. Dezember erscheint. Genaues lässt sich über das Werk und seinen Meister, der sich der Öffentlichkeit verweigert, momentan nicht ergründen. Fest steht aber, dass seine Bücher alles einlösen, was man von Literatur erwarten kann. Hier schlägt die Aufklärung Purzelbäume, hier wird die entzauberte Welt wieder verrätselt. Der Roman soll zwischen der Weltausstellung des Jahres 1893 und dem Ersten Weltkrieg spielen. Der Schauplatz changiert zwischen New York, London, Venedig, Sibirien und Göttingen. An Personal bietet Pynchon auf: Spione, Spieler und Schamanen. Gastauftritte sollen der Dracula-Darsteller Bela Lugosi, der Erfinder Nikola Tesla und Groucho Marx bekommen. In der Ankündigung heißt es: „Sollte dies nicht die Welt sein, dann ist es zumindest die Welt, wie sie sein könnte, wenn man ein, zwei Dinge darin verändert. Manche sagen, genau das sei die Aufgabe der Literatur.“

Wenn man ein, zwei Dinge ändert, sieht die Welt mitunter recht absonderlich aus. Annette Pehnt beispielsweise, Jahrgang 1967, weiß das sehr gut. Das Personal ihrer Romane erlebt wunderliche Dinge. In „Ich muss los“ war es der große Schweiger Dorst, der als Reiseführer in der deutschen Provinz auf Limonadebrunnen oder Honigfrauen aufmerksam machte. In „Insel 34“ ging es um eine Leidenschaft für Inseln, auf denen Sackpfeifenspieler oder Müllfrachterfahrer zu Hause sind. Jedenfalls findet bei Pehnt häufig eine Verschiebung der Realität zum Fantastischen statt. Als sei Kafkas Käfer Gregor Samsa übers Manuskript gekrabbelt, wie ein Rezensent anmerkte.

Bei Wilhelm Genazino , dem Büchnerpreisträger mit notorisch schrägem Blick auf die Wirklichkeit, hat Gregor Samsa mindestens so tiefe Spuren hinterlassen. Schon deshalb hat es seine Richtigkeit, dass Genazino der Gesprächspartner von Annette Pehnt ist, wenn sie heute (20 Uhr) ihren neuen Roman im Literarischen Colloquium vorstellt (Am Sandwerder 5, Zehlendorf) . „Haus der Schildkröten“ (Piper) soll er heißen und vom Lebensende in dem Altersheim „Haus Ulmen“ handeln. Schildkröten, berichtet Walter Benjamin, führten die Flaneure in den Pariser Passagen mit sich, um gegen die Geschwindigkeit des großstädtischen Lebens zu demonstrieren. Und das Flanieren diente sowohl Pehnt als auch Genazino oft als Movens des Erzählens. Beim Flanieren aber, dieser Verbindung von Gehen und Sehen, gerät man schnell in phantastische Zustände, die Normalität wird fragwürdig.

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