Kultur : Leben ohne Bremsspur

Steffen Richter

Es gab mal Zeiten, in denen Pop-Literatur keine Dandy-Pose war, mehr bedeutete als Lifestyle, Markenfetischismus und snobistisches Distinktionsgebaren. Das war allerdings lange, bevor einige seiner Protagonisten in einem Berliner Nobelhotel saßen und sich in königlicher Traurigkeit sonnten. Tatsächlich, Pop-Literatur war einmal eine minoritäre Angelegenheit, eine subversive Feier des Augenblicks. Zumindest war sie widersprüchlicher als man heute glaubt. Zum Beispiel bei einem ihrer deutschen Urväter, bei Jörg Fauser . Eine Legende. Nicht nur, weil er 1987, einen Tag nach seinem 43. Geburtstag, auf der A 94 bei München von einem LKW überfahren wurde. In den sechziger und siebziger Jahren experimentierte er mit Drogen, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und bereiste die Welt zwischen der Türkei, Marokko und den USA. Fauser war Redakteur bei Underground-Zeitschriften (später auch beim Berliner „Tip“) und hat in fast allen Textsorten brilliert: Gedicht, Hörspiel, Songtext, Reportage, Krimi – selbst als Marlon-Brando-Biograf. Der Anti-Anti-Amerikaner, der wusste, was er seinem Burroughs und seinem Bukowski verdankte, dem Hippies und die klassische Linke aber fremd blieben, hat es geschafft, am Mainstream vorbei erfolgreich zu sein. Mit dem „Schneemann“-Roman etwa oder dem autobiografischen „Rohstoff“. Mittlerweile ist im Alexander Verlag eine große Fauser-Edition in Arbeit und in Britta Gansebohms Z-Salon (Bergstr. 2, Mitte) wird der Aufrührer Fauser gefeiert, wie es sich gehört: mit einer multimedialen Performance-Lesung, den „Fausertracks“ (morgen, 20 Uhr 30). Hier mischen die Musiker Detlev Cremer und Jochen Rausch Fauser- O-Töne mit Musik ab, der Videokünstler Kay Dollbaum steuert Clips bei.

Mit einer viel früheren deutschen Revolte beschäftigt sich der Spanier Antonio Orejudo . In „Feuertäufer“ (Knaus) jagt er seine Leser ins 16. Jahrhundert – eine Epoche, die Ernst Bloch als „Ekstase des aufrechten Ganges“ beschrieben hat. Im Zentrum stehen die Wiedertäufer-Bewegung von Münster und einer ihrer Protagonisten: Bernd Rothmann. Nachdem die katholischen Truppen die Stadt eingenommen und ein grausiges Blutbad unter den Wiedertäufern angerichtet hatten, blieb Rothmann verschwunden. Orejudo spinnt die Geschichte weiter: wie Rothmann zu Joachim Pfister wird und zur Inquisition überläuft. Es geht um den Verbleib von Idealen, religiösen Fanatismus und Gewalt. Orejudo kommt heute ins Instituto Cervantes (Rosenstr.18-19, Mitte, 19 Uhr 30).

Verschiedene Formen von Aufruhr dürften auch bei Sigrid Löffler eine Rolle spielen, wenn sie am 12.11. in Lehmanns Fachbuchhandlung den Bücherherbst besichtigt (Hardenbergstr.5, Charlottenburg, 11 Uhr). Zur Debatte stehen „Muttersöhne und andere Terroristen“. Die Revolte kennt eben viele Gesichter.

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