Kultur : Leben wählen

Raus aus der Ehe: Patricia Plattners „Les petites couleurs“

Kirsten Wächter

Die 35-jährige Christelle arbeitet im Friseursalon ihres Ehemanns und sieht kaum einen Cent dafür. Sie bittet um die Auszahlung ihres Lohns – er schlägt zu. Oder der Mann fragt abends: „Ist das Essen endlich fertig? Ich habe Hunger.“ Christelle bricht in Tränen aus. Und wieder schlägt er zu.

Mit dem Krach um ein neuartiges Dauerwellengerät aber wird alles anders. Christelles Mann weigert sich, ihr die Maschine auszuhändigen: Sie sei zu dumm, das Gerät zu bedienen, meint er. Lieber will er den Lockenautomaten seiner Geliebten schenken. Da aber wehrt sie sich. Zum ersten Mal. Sie greift nach einem schweren Vereinspokal und holt aus.

„Les petites couleurs“ erzählt von Gewalt in der Ehe und wie frau sich daraus befreit. Am Anfang steht die Flucht: Im „Galaxy“, einer Fernfahrerabsteige, trifft Christelle (Anouk Grinberg) auf die verwitwete Motelbesitzerin Mona (Bernadette Lafont), einen Fan der Soap-Opera „Le ranch de l´amour“. Und, siehe da, bald ähnelt Christelles Schicksal dem der sangesfreudigen Soap-Heldin. Als sie eines Abends den jungen, sanften Fernfahrer Lucien (zum Dahinsinken charmant: Philippe Bas) kennen lernt, bricht sich ihre jahrelang unterbundene Lebensfreude endlich kräftig Bahn. Christelle streicht die „Galaxy“-Wände bunt, färbt die Haarpracht Monas in leuchtenden Tönen und baut zusammen mit Lucien einen klapprigen VW-Bus kurzerhand zum mobilen Friseursalon um. Das Leben, es kann so einfach sein.

Irgendwann ein Liebesfilm also, der sich mit Vergnügen durchaus auch mal im Arsenal des Kitschs bedient – und doch bewahrt „Les petites couleurs“ dank Anouk Grinberg stets Bodenhaftung. Die Schauspielerin erforscht die steife Körperhaltung einer verängstigten Frau, ihre übervorsichtigen Bewegungen, und erzählt so eindringlich vom Trauma eines zerschlagenen Selbstwertgefühls. Und so sonnig Christelles zweites Leben erscheinen mag: Der Film unterschlägt auch die instabilen Momente nicht, die ihre Zukunft gefährden.

Trotzdem: Die französisch-schweizerische Regisseurin Patricia Plattner will aufs Schöne hinaus. Wer sagt denn, dass Glück nicht auch mal kitschig ist. Schließlich geht es um die Sensation, geliebt zu werden.

Hackesche Höfe (OmU), Kant (OmU)

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