Kultur : Leben wider die -ismen

GERD BUSSE

Bei Besuchen mochte er ein festes Ritual."Das ist der Stuhl für den Interviewer", sagte Karel van het Reve mit einem Fingerzeig.Dann bedurfte es nur noch einer Tasse Kaffee, und dann kamen die Anekdoten: über Marx, Freud, Schopenhauer oder Popper, einige seiner Lieblingsthemen.Aber auch über den Literaturbetrieb, etwa seinen Amsterdamer Verleger Geert van Oorschot, vor dem sich die Buchhändler geradezu verkrochen hätten.

Am Ende landete van het Reve, Wissenschaftler, Journalist und Autor von Romanen, Reportagen, und Kolumnen dort, wo man ihn lange kaum erwartet hätte: in der niederländischen Literaturgeschichte.1997 erhielt er für sein Gesamtwerk den wichtigsten Literaturpreis des Landes, den P.C.Hooft-Preis.Er hat es wie kein zweiter verstanden, dem akademischen Diskurs jenen Touch gehobener Unterhaltung zu verleihen, den der Leser sonst nur von der Literatur geboten bekommt.Und er hat sich dem Leser ins Herz geschrieben.Von ihm wollte er nie geliebt, wohl aber verstanden werden, indem er an seinen gesunden Menschenverstand appellierte.

1921 als Sohn kommunistischer Eltern in Amsterdam geboren, wandte sich Karel van het Reve schon früh vom Kommunismus ab und entwickelte ein feines Gespür für alles Ideologische im menschlichen Zusammenleben.Als Slawistik-Professor förderte er die russische Literatur, lief aber auch in der Alltagsdebatte zu großer Form auf.Reve lieferte keine Grundsatzreferate, sondern pointierte, geschliffene Polemiken über Rußland, Religion, Freud und die Literatur - ein Pfahl im Fleisch der Anhänger aller "-ismen","-gien" und "-lysen".Sein Kolumnenband "Uren met Henk Broekhuis" (1978) wurde vor kurzem zu einem der "100 schönsten Büchern des Jahrhunderts" erkoren.Das Kleinod, Heilmittel gegen wissenschaftliche und gesellschaftliche Gemeinplätze, ist soeben auf deutsch erschienen, als "39 Zumutungen - Wider die Denkfaulheit".Am Mittwoch ist Karel van het Reve - wie erst jetzt bekannt wurde - im Alter von 77 Jahren in Amsterdam gestorben.

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