Kultur : Lebensarten statt Todesarten

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Die Zahlen sind immer noch deprimierend. Nur neun Prozent der letztes Jahr von der Filmboard Berlin-Brandenburg geförderten Filmprojekte wurden von Regisseurinnen eingereicht, und auch der Anteil der Autorinnen liegt gerade mal bei 20 Prozent. Doch Vorsicht - die schwache Quote ist nur unter Vorbehalt als Ausdruck frauenfeindlicher Förderpraxis zu werten. Denn schon bei den Einreichungen sind Frauen deutlich unterrepräsentiert. Und auch die Filmboard ist keineswegs ein besonders böser Bube, sondern steht hier nur stellvertretend für ein Symptom, denn flächendeckende Daten liegen nicht vor.

Die Forderung nach statistischer Erfassung geschlechtsspezifischer Daten: Wie ein roter Faden lief sie durch ein Hearing über die Situation von Frauen in Filmberufen, das auf Initiative des Arbeitskreises „Frauen in Kunst und Kultur“ bei der Kultusministerkonferenz der Länder mit Unterstützung der Kulturverwaltungen Nordrhein-Westfalens und Berlin im Arsenal-Kino stattfand. Regisseurinnen und andere Filmschaffende waren eingeladen worden.

Der Termin am Freitag – kurz vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises – war mit Bedacht gewählt. Denn so schön es ist, dass hier gleich drei Regisseurinnen auf der Nominierungsliste standen: Diese Tatsache sollte nicht den Blick darauf verdecken, dass Frauen im alltäglichen Filmgeschäft immer noch um Durchsetzung kämpfen. Vor allem in den technischen Bereichen der Filmproduktion wie Kamera und Ton gibt es Besorgnis erregende Mängel.

Dabei spielen Vorurteile immer noch eine große Rolle. Kompetenzen, die Männern zum Glanze ausgelegt werden, gelten in ihrer weiblichen Form als Schwäche: Das manische Künstler-Ego etwa wird bei der Frau gern gleich zum hysterischen Problemfall.

Gender-Mainstreaming war auch hier ein Thema, auch wenn ein Großteil der Anwesenden dem filmischen Mainstream wohl eher abgrenzend gegenübersteht. Die grundsätzlichste Kritik an der herrschenden Medienwelt formulierte die Regisseurin und UdK-Professorin Jutta Brückner, die in einem fiktiven Lebenslauf die hehren Ziele einer Idealstudentin in den praktischen Niederungen studentischen Mutter-Daseins als Serienautorin enden ließ. Doch Brückner holte auch aus zu einer Generalkritik an der „Welt der jungen Männer" mit ihrer Remaskulinisierung der Erzählungen, wo Todesarten statt Lebensarten beschworen werden und Coolness dominiert. Die Erforschung von Lebenszusammenhängen wird da schon als Larmoyanz gesehen - sei es nun im Film oder im wirklichen Leben. Wer sich über Benachteiligungen, etwa als Frau, beschwert, wird zum Klageweib. Und macht sich selbst zum Opfer. Opfersein ist uncool. .

Der anwesende Nachwuchs, Almut Getto etwa oder Nathalie Percillier, war da nicht ganz so pessimistisch. Doch seine Hoffnungsfreude wurde erschreckend brutal von den ernüchternden Erfahrungen der älteren Generation eingeholt. Gerade die gestandenen Filmfrauen ab Mitte Vierzig wie Helga Reidemeister oder Gisela Tuchtenhagen, denen eigentlich aufgrund ihrer Erfahrung alle Türen offen stehen sollten, finden sich an einem toten Punkt ihrer Karriere wieder. Besonders dramatisch ist das, weil auch die Bedeutung weiblicher Vorbilder aus vielen Statements herausklang. Wo aber sollen die herkommen, wenn älteren Frauen die Anerkennung verwehrt wird? Auch größere Sichtbarkeit von Frauen-Filmgeschichte wurde wiederholt gefordert. Überhaupt war erstaunlich, wie sehr sich die Forderungen vieler Referentinnen trotz aller Differenzen im Einzelnen ähnelten. Neben Förderstipendien, Netzwerken und Mentorschaften stand dabei immer wieder die gute alte Quotierung im Zentrum.

Jetzt geht es um konkrete Umsetzungen. Wegen der kaum vorhandenen Mittel auf Länderebene ist hier auch der Bund gefragt. Nur: Ein Wahlkampfthema ist das nicht gerade. So steht den Beteiligten noch viel Arbeit bevor. Silvia Hallensleben

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