Kultur : Lebenskunde

Dem Germanisten Peter von Matt zum 70.

Meike Fessmann

Gerade hat Norbert Miller den 70. Geburtstag gefeiert, schon tut es ihm Peter von Matt gleich. Sind beide mit Bacchus im Bunde, haben sie gar vorgeburtlich paktiert? Zuzutrauen wäre es ihnen. Nicht aus Eitelkeit, sondern um des schönen Effektes willen der staunenden Öffentlichkeit das eigene Geburtsjahr als guten Germanistenjahrgang ins Bewusstsein zu bringen. Auch den Verlag haben sie gemeinsam. Dann aber ist Schluss mit den Ähnlichkeiten. Schließlich ist der eine Bayer, der andere Schweizer. Unterschiedlicher können Temperamente kaum sein.

„Das Wilde und die Ordnung“ heißt das neueste Buch des Zürcher Emeritus in einer typischen Zusammenfügung des scheinbar Gegensätzlichen. Peter von Matt denkt einiges zusammen, was andere gern säuberlich geschieden hätten: „Tod und Gelächter“, „Eros und Politik“. Natürlich bedient er sich eines Tricks. Er nimmt keine wirklichen Oppositionspaare, sondern nur Wörter aus gegensätzlichen Wortfeldern, die durch das Zusammenfügen neu gepolt werden. Das erzeugt viel Energie und erlaubt einen frischen Blick auf die Literatur. Man sollte den freundlichen, umgänglichen Peter von Matt nicht unterschätzen. Wer ein vor profunder Kenntnis der Weltliteratur, aber auch vor Lebensklugheit geradezu blitzendes Werk über „Die Intrige“ schreiben kann, beherrscht selbst manche Tricks und Kniffe. Seine „Theorie und Praxis der Hinterlist“, so der Untertitel des Intrigen-Buchs, ist eine poetisch inspirierte Mentalitätsgeschichte menschlicher Umgangsformen und ein Bravourstück des Erzählens: rhetorisch immer auf der Höhe seines Gegenstands, der Weltliteratur von Homer bis heute.

Mit heiterer Gelassenheit verfügt Peter von Matt so souverän über seinen Gedanken- und Ideenreichtum, dass es für den Leser eine wahre Freude ist. Literaturwissenschaft als Lebenskunde, das ist das Metier dieses enorm fleißigen Autors. Da gibt es zum Beispiel noch „Öffentliche Verehrung der Luftgeister. Reden zur Literatur“, erschienen 2003, kurz davor „Die tintenblauen Eidgenossen. Über die literarische und politische Schweiz“. Oder „Liebesverrat“, ein Buch über die „Treulosen in der Literatur“, das 1989 nicht nur für die Verfasserin eine Einstiegsdroge in die Peter-von-Matt-Sucht gewesen sein dürfte. Wir wollen mehr und gratulieren herzlich.

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