Kultur : Lebenslust, Lebensangst

Das Hans-Otto-Theater Potsdam nimmt mit O’Neills „Langer Reise“ Abschied von seiner alten Spielstätte

Christoph Funke

Es ist nicht gut bestellt um die Familie Tyrone. Vater und Söhne sind Trinker, Mutter Mary zerstört ihr Leben mit Morphium. Der amerikanische Dramatiker Eugene O’Neill (1888–1953) kannte diese Familie gut, es war seine eigene. Er beschrieb ihren Alltag in dem erst nach seinem Tod zur Aufführung zugelassenen Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Um einen Prozess, der zur Katastrophe führt, geht es dabei nicht. Eher um die Beschreibung eines Zustandes. Denn es geschieht kaum etwas. Ein Tag und eine Nacht gleichen allen anderen Tagen und Nächten, jedes Miteinander der vier wird zur Qual, endet in peinigender Erinnerung an längst Vergangenes und in der Hoffnungslosigkeit gegenüber Zukünftigem. Vater, Mutter, Söhne wissen um ihre Laster. Daran ändern können sie nichts, auch wenn Widerstand aufflackert. Am Ende, in der tiefen Nacht, dämmern die Männer im Alkoholrausch vor sich hin, Mary verabschiedet sich aus der Wirklichkeit, schlüpft ins Hochzeitskleid und überlässt sich dem trügerischen Morphium-Glück.

Die Textfülle des auf fast 200 Seiten vor allem in wuchtigen monologischen Blöcken montierten Dramas baut sich wie eine Barriere vor jeder Aufführung auf. Thomas Schulte-Michels riss das Hindernis in den Kammerspielen des Deutschen Theaters (s. Tsp vom 23. Januar) entschlossen nieder und billigte der „Langen Reise“ nicht einmal zwei Stunden Spieldauer zu. Übrig blieb der Entwurf eines Stücks, das nun in Potsdam als Ganzes, wenn auch noch immer mit entschlossenen Strichen, in dreieinhalb Stunden über die Bühne gehen darf. Und das mit gutem Grund. Im ehemaligen Zuschauerraum des „alten“ Hans- Otto-Theaters in der Zimmerstraße, Heimat der Komödianten von 1949 bis 1991, wird gleichsam ein endgültiger Abschied in Familie gefeiert. Es gibt keine Bühne mehr, aber ein ebenerdig vor den Zuschauern hingebautes Wohnzimmer mit Veranda und Umgang im ersten Stock. Es ist geschmackvoll, fast großbürgerlich eingerichtet, nicht schäbig, wie es O’Neill vorschwebte (Bühne: Gisbert Jäkel). Regisseur Uwe Eric Laufenberg will den Abstand zur Zeit der Handlung (August 1912) tilgen, die Tyrones sind Leute von heute und auch so gekleidet (Kostüme: Jessica Karge). Der Regisseur lässt sich Zeit mit den Figuren, versenkt sich in ihre Lebensumstände. Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei Mary.

Angelica Domröse spielt eine Frau, die wie eine Glucke das Familienglück zu verteidigen sucht. Zerfließende, weiche Zärtlichkeit dieser Mutter wechselt in Hass, Munterkeit und Koketterie kippen um in Ekel und Melancholie. Angelica Domröse zeigt, wie sich Mary, an der Grenze zum Alter, ein Bild von sich zu machen versucht, eitel, schamhaft und lügnerisch. Mal spiegelt ihr Gesicht Freude, Genugtuung und Triumph, dann verzerrt es sich zur hässlichen Maske, ein biegsamer Körper, der auch in den peinlichen Posen der Mütterlichkeit Begehren verrät. Lebenslust und Lebensangst verhaken sich ineinander – Angelica Domröse zeigt diese heftigen Widersprüche, den Wechsel der Gefühle mit atemberaubender Intensität. Ein Wesen steht auf der Bühne, das sich scharf beobachtet und unglaublich beherrscht, zugleich außer sich ist. Die Whisky-Flasche, ans Herz gedrückt, wird sie zum Kind, durch das geisterhaft auftauchende Gitterbett ereignen sich psychische Zusammenbrüche immer aufs Neue.

Leider verliert die Aufführung in der zweiten Hälfte ihre Dichte. Es droht Beliebigkeit – auch weil nun die Männer mit ihren weniger aufregenden Schicksalen ins Zentrum rücken. Dabei machen Roland Kuchenbuch (James Tyron), Kay Dietrich (James Tyron jun.) und Johannes Suhm (Edmund Tyrone) die stickige Atmosphäre eines scheinbar normalen Alltags überzeugend deutlich. Sie offenbaren ihre Unterschiedlichkeit im gemeinsamen Versuch, die eigenen Schwächen zu domestizieren. Im zweiten Teil aber verschwimmen die Gegensätze und die Stadien zunehmender Trunkenheit. Monologe, Erinnerungen, Kommentare gewinnen keine Kontur, selbst Angelica Domröses letzter Auftritt als Mary hat den Zauber der Entrücktheit verloren.

Wieder am 5., 11. und 16. Februar

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