Kultur : Lebenspfade

Zum 70. von Anja Silja und Siegfried Jerusalem

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Ihn sah man unlängst bei der Trauerfeier für Wolfgang Wagner – sie natürlich nicht. Er ist zunächst Fagottist in Hof und in Stuttgart; sie gilt als Wunderkind und debütiert mit 16 in Braunschweig. Lange vor seinen Auftritten im Bayreuther Heldenfach ist sie des Grünen Hügels funkelndstes Starlet: als Senta, Elisabeth, Eva, Elsa, Freia, als Waldvogel im „Siegfried“ und erstes „Parsifal“-Blumenmädchen. Unterschiedlichere Charaktere und Karrieren als die der Sopranistin Anja Silja und des Tenors Siegfried Jerusalem sind kaum vorstellbar. Beide feiern heute ihren 70. Geburtstag. Und beide singen noch, gelegentlich.

Mit Jerusalem tut man sich leichter und schwerer zugleich. So spät der gebürtige Oberhausener zum Gesang findet (mit 35), so rasch springen in den tenorarmen siebziger und achtziger Jahren die Türen für ihn auf: 1977 gibt er seinen Bayreuth- Einstand, 20 Jahre lang singt er dort alle großen Partien. An der Seite von Waltraud Meier und mit Daniel Barenboim am Pult ist er Parsifal, Siegfried im Kupfer-„Ring“ und zuletzt Tristan in Heiner Müllers legendärer Inszenierung. Zahllose Plattenaufnahmen kommen hinzu, auch jenseits des Wagner-Fachs, Jerusalem gastiert und kümmert sich um den Nachwuchs. Von 2001 bis 2009 leitet er die Musikhochschule Augsburg-Nürnberg.

Ein deutscher Tenor ganz ohne „wobble“: Jerusalem verfügt über ein sauberes, leicht instrumentales Timbre, eine instinktsichere Musikalität und hat nie über die Stränge geschlagen. Verve, Raffinement, einen Magnetismus der Persönlichkeit sucht man in seiner Stimme allerdings vergebens. Jerusalem überwältige nicht, meint Jürgen Kesting lakonisch, sondern bewältige, mit Ökonomie und Geschick. Die Langlebigkeit seiner Laufbahn scheint ihm darin recht zu geben – zuletzt 2008 in Strauss’ „Elektra“ und „Salome“ an der Hamburgischen Staatsoper.

Auch die Silja (eigentlich Anna Silja Regina Langwagen und in Berlin geboren) braucht das Theater, bis heute. An der Berliner Staatsoper wird sie im Juni 2011 in Bernsteins „Candide“ zu erleben sein, in Frankfurt/Main tritt sie in Prokofieffs „Spieler“ auf. Die Silja war und ist ein Phänomen: Eine aufreizende Mischung aus Lolita und „Kindertrompete“ von Anfang an, eine, die es der Welt zeigen will. Und das tut sie, gerne mit Hilfe deutlich älterer Männer. Ihr Großvater bildet sie aus, Wieland Wagner, den sie mit 18 in Stuttgart kennenlernt, wird die Liebe ihres Lebens und bringt sie nach Bayreuth, im Dirigenten André Cluytens, Jahrgang 1905, findet sie ihren „besten Liebhaber“ und in Christoph von Dohnanyi, ebenfalls Dirigent, ihren Ehemann. Auf der Bühne ist sie Lulu und Salome, zu Hause Mutter, Hausfrau – und unglücklich. Die Ehe scheitert.

Über den Gesang der Silja gingen die Meinungen stets heftig auseinander. Ist sie das Nur-Organ, dass sich selbst Partien des späteren Charakterfachs wie die Gräfin in Tschaikowskys „Pique Dame“ kalten Blutes einverleibt – oder die Ausdruckskünstlerin, das Bühnentier, das Regisseure wie Wieland Wagner oder Robert Wilson in ihr sahen und sehen? Siljas Sopran haftet etwas Stählernes, Ungerührtes, ja Unberührbares an, auch ließ und lässt ihre Textverständlichkeit bisweilen zu wünschen übrig. Solche Unzulänglichkeiten weder mit Intensität noch mit den Folgen des Alters zu verwechseln, ist nicht leicht. Eine Erscheinung bleibt die Silja allemal.

Eine Frage würde man der offensiven Katholikin gerne stellen: Ob die jüngsten Skandale ihrem Glauben und ihrer Bewunderung für Benedikt XVI. Abbruch getan haben – oder ob sie nicht auch deshalb ganz froh ist, ihren 70. Geburtstag, wie lange angekündigt, „auf einem Schlauchboot mitten im Ozean“ zu verbringen.Christine Lemke-Matwey

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