Kultur : Lebenssprünge, Zeitenbrüche

Jörg Plath

Eröffnungsveranstaltungen haftet meist eine feierliche Schwere an, und wenn zudem noch ein Jubiläum zu feiern ist, gilt es ein Spalier von Fest-, Vor- und Frohrednern zu durchlaufen, nicht unähnlich jenem, mit dem die preußischen Könige einst ihre Soldaten zu kujonieren pflegten. Doch bei der Eröffnung der 10. Berlin-Brandenburgischen Buchwochen am Sonntag im Haus der Kulturen der Welt gelang dem ungarischen Schriftsteller Imre Kertész ein Kunststück. Er verband im Gespräch mit Sigrid Löffler ("Literaturen") nicht wenige der in den Reden angesprochenen Motive - und beharrte zugleich auf ihrer Unvereinbarkeit.

"Lebenssprünge" lautet das Thema der Buchwochen mit Lesungen und Diskussionen an 100 und einem Abend in Berlin und Brandenburg. Das Kunstwort reizt die für Kultur beider Länder verantwortlichen Ministerinnen zu Interpretationen so verschiedenartig wie Ost und West. Johanna Wanka erzählt von ihrem Sohn, der nicht zur NVA gehen wollte. Die Wende habe diese Entscheidung, die sein ganzes Leben in der DDR kompliziert hätte, unnötig gemacht. Adrienne Goehler dagegen assoziiert bei "Lebenssprünge" erst Luftsprünge, dann den Kontinuitätsbruch durch die Terroranschläge vom 11. September.

Von einem "Existenzbruch" spricht Sigrid Löffler, als sie Imre Kertész vorstellt, der als Vierzehnjähriger nach Auschwitz deportiert und in Buchenwald befreit wurde. Hat denn die Tatsache, dass sein "Roman eines Schicksallosen" in Ungarn mehr als 10 Jahre lang nicht verlegt wurde, ihn nicht um weitere Werke betrogen? Nein, wiegt Kertész freundlich den Kopf, das Schweigen ringsum sei ein Glück. "Man kann ruhig arbeiten, vergeblich, aber immerhin." Natürlich sei die Wende wunderbar, für einen Moralisten bedeute sie jedoch Schwierigkeiten. Nun könne er nicht mehr in der Einsamkeit rigoros sein, denn in der Demokratie plaudere man freundlich.

So plaudernd schlägt Imre Kertész eine Brücke zwischen Stalinismus und Demokratie, Ost und West. Sie bleibt prekär, also des "Existenzbruchs" eingedenk, aber ihm nicht untertan. Seine Werke seien Romane, keine Autobiografie. Die Kunst ist das Medium dieser unversöhnlichen Versöhnung. In seiner Person scheint Kertész die Moderne als Lebenskunst zu präsentieren.

Ein gelungener Auftakt für die folgenden 100 Veranstaltungen bis zum 18. November. Mit von der Stadt- und Landpartie sind bekannte Autoren und Vorleser (F. C. Delius, Günter de Bruyn, Angelica Domröse), weniger bekannte (Sarah Haffner, Gustav Just) und noch nicht recht bekannte (Juli Zeh, Julia Franck, Andreas Koziol). Sie lesen, singen und spielen in Buchhandlungen, Theatern, Restaurants, Cafés, einem Opernsaal, einigen Kneipen - und manchmal gar in Literaturhäusern. Einmal verspricht die in allen Buchhandlungen ausliegende Broschüre Musik aus "gut gelagerten Konserven", einmal gar ein mallorquinisches Mahl.

Mit Ausnahme Potsdams kommt Brandenburg etwas dürftig weg: Ganze 26 Veranstaltungen finden auf märkischem Boden statt. Das ist mehr als im letzten Jahr, lässt die Buchwochen in Schwedt, Fürstenberg, Rathenow oder Rheinsberg aber zu einem einzigen Abend schrumpfen.

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