Kultur : Lebensunwert

Das Theater Tribüne zeigt ein Euthanasiestück

Patrick Wildermann

Das beachtlichste Stück, das zuletzt am Theater Tribüne lief, war die Farce um den Rauswurf der künstlerischen Leiterin Anna Langhoff. Ihr wurde nach nur einer Premiere der Stuhl vor die Tür gestellt. Konzeptlosigkeit warfen die Geschäftsführer Corinna und Thomas Trempnau ihr vor, weswegen sie jetzt in der Pflicht stehen, einen Plan für die Zukunft zu präsentieren. Von dem ist bislang nichts zu sehen. In einer Erklärung zur Lage der Bühne, die der Pressemappe der jüngsten Premiere beiliegt, heißt es: „In gleichermaßen unterhaltsamen wie unbequemen Inszenierungen macht die Tribüne Theater, das sich in erster Linie in den Dienst der Handlung und der handelnden Personen stellt.“ Donnerwetter.

Als erste Produktion nach dem Langhoff-Intermezzo präsentiert das Haus eine Uraufführung mit todernstem Thema und prominenter Besetzung, die Auftragsarbeit „Tiergartenstraße 4“ des Berliner Autors Christoph Klimke. Unter der titelgebenden Adresse, gegenüber der heutigen Philharmonie, wurde während der Nazidiktatur der Massenmord an Hunderttausenden unter ärztlicher Aufsicht organisiert und betrieben. Psychisch kranke und missgebildete, später auch tuberkulosekranke, wohnungslose, „asoziale“ oder aus sonstigen Gründen für nicht lebenswert befundene Menschen hat man von hier aus in Tötungsanstalten verbracht, wo sie zwangssterilisiert, zu medizinischen Versuchen missbraucht oder getötet wurden. Dramatiker Klimke, der zuvor bereits ein Stück über die berüchtigte Wiener Klinik „Spiegelgrund“ verfasste,hat wieder sorgsam recherchiert. So ehrenwert aber die Absicht ist – der Abend gerät zum Referat. Zu sehr zielen die Schicksalsberichte, die Regisseur Hannes Hametner in David Königs neonbeleuchteter Guckkastenbühne als Sprechstück des Grauens auf ein paar Stühlen einrichtet, auf den sicheren Empörungseffekt. Auch die Schauspieler distanzieren sich so weit von ihren Figuren, Tätertexte rekapitulierend, dass sie fast neben sich stehen.

Den papieren hineingepressten, fiktiven Konflikt zwischen einem Verbrecher-Arzt von damals und einem zum Mediziner erwachsenen Opfer – der den Bogen von den Nazigräuel zu heutigen Ethikdebatten um Biopolitik und Sterbehilfe schlagen soll – können selbst die großen Schauspieler Ulrich Voß und Manfred Borges nicht beleben. Wie berührend und poetisch hat ein Christoph Marthaler dieses Thema in „Schutz vor der Zukunft“ begriffen! Hier aber rattern die Zahlen, flimmern im Videoabspann die Täternamen. Patrick Wildermann

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