Lebenswerk : Hüterin der Moderne

Jaqueline Diffring stellt erstmals in Berlin aus - im zarten Alter von 87 Jahren. Ihre Skulpturen sind Ausdruck eines bewegten Lebens.

Michael Zajonz

Wer konsequent in sich hineinschaut, begibt sich auf unsicheres Terrain. Und geht dabei das Risiko ein, den schmalen Grat zwischen Selbstverletzung und Selbstbetrug zu verfehlen. Die Innenschau ist eine Expedition, bei der man nie weiß, ob man lebend zurückkommt. Wem es aber gelingt, der hat den Kopf voll von Bildern.

„The Inner Eye“, das innere Auge, heißt die erste Ausstellung der 87-jährigen Bildhauerin Jacqueline Diffring in Berlin. Dabei war das äußere Leben der Künstlerin abenteuerlich genug: 1920 in Koblenz geboren, muss sie 1939 emigrieren. Das 1937 begonnene Kunststudium an der Berliner Reimann-Schule kann sie erst 1946 an der Chelsea School of Art in London fortsetzen. Ihr wichtigster Lehrer wird Henry Moore.

Seit den sechziger Jahren lebt die Künstlerin in Frankreich. Dort entstehen ihre Skulpturen aus Bronze, Stein oder Terrakotta in der Tradition der klassischen Bildhauer-Moderne. Nach Berlin ist die Künstlerin auch deshalb gekommen, um ihre eigene Stiftung zur Förderung junger Bildhauer ins Leben zu rufen.

Als Künstlerin und Frau in einem Männergeschäft ist es Diffring gelungen, neben und nach den Bildhauerhelden Moore, Chillida, Marini eine durch und durch persönliche Formensprache zu entwickeln. Auf dem Trottoir vor der Galerie Hohenthal und Bergen, für die der Kurator Joachim Becker 17 Skulpturen Diffrings ausgewählt hat, wird man von „Shriek“ empfangen. Die zwischen 2002 und 2005 entstandene Bronze wirkt wie eine Paraphrase auf Moores „Large Two Forms“ vor dem ehemaligen Bundeskanzleramt in Bonn. Wo sich Moores Massen organisch beruhigt gegenüberstehen, lassen Diffrings Komplementärformen allerdings disparatere Kräfte ahnen. Dazu passt auch die schrundige, offene, an Marino Marinis Reiterfiguren geschulte Oberfläche der Skulptur.

Bei „Listening“, der zweiten großen Bronze der Ausstellung, verklammert Diffring die gratigen Formen nicht miteinander, sondern lässt sie auseinanderstreben. Annäherung und Abstoßung, das Wechselspiel von Schale und Kern, sind auch die Prinzipien von Diffrings kleinen Skulpturen. In „Reclining“ und „Couple“ von 1980, den beiden ältesten Werken der Auswahl, arbeitet sich die Künstlerin noch an den Proportionen des menschlichen Körpers ab. In „Searching for a Latent Equilibrium“ lässt Diffring die Skulptur in drei autonome Teile zerfallen. Ihr magisches Gleichgewicht gewinnen sie nicht zuletzt durch die kostbare braungoldene Patinierung.

Mit „The Inner Eye“ sind drei 1982/83 entstandene Köpfe betitelt, deren Dickschädel sich buchstäblich in Luft auflösen. Nur zwischen den Augen und den Ohren gibt es rätselhafte Verbindungsgänge: Manchmal muss man eben ins scheinbar Leere horchen, um sehen zu können. Michael Zajonz

Galerie Hohenthal und Bergen, Mommsenstr. 35, bis 8. September, Mittwoch bis Freitag 14-18 Uhr, Dienstag u. Sonnabend 11-14 Uhr (bis 18.8. nach Voranmeldung).

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