Kultur : Lebenswut, Herzhitze

Der Berlinale-Überraschungssieger kommt ins Kino: Fatih Akins herrlich maßloses Liebesdrama „Gegen die Wand“/Von Feridun Zaimoglu

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Überall im Lande feierten die Türken den neuen König von Deutschland. Man sah den jungen Filmemacher, auch im großen Glück bescheiden, vor den Kameras mal die Hand zur Kriegerfaust ballen, mal die Finger zum Siegeszeichen recken. In den Männercafés stießen Pensionäre der ersten Gastarbeitergeneration, stilecht und herkunftstreu, mit Anisschnaps auf ihren Helden an; ob des Jubels und der Völkerumarmungsszenen kamen sogar orthodoxe Jungfern in die Versuchung, sich unstatthaft berühren zu lassen. Es war die Zeit der großen Gefühle und der symbolischen Gesten, und endlich konnte man, erschöpft von den lähmenden Debatten, sich einfach mal nur freuen.

Nach dem Rausch kam aber, vor allem bei den Experten der Nation, der Kater: Lässt sich aus der Erfolgsgeschichte Fatih Akins eine Münze schlagen? Wie normal ist das deutschtürkische Verhältnis vier Dekaden nach der ersten Einwanderungswelle? Werden künftig die wilden Söhne und Töchter eines fremden Stammes die goldenen Trophäen nach Deutschland holen? Wer mag, kann aus dem Kaffeesatz lesen und Um- und Aufbrüche in naher Zukunft deuten.

Tatsächlich braucht Akins herrlich maßloses Liebesdrama „Gegen die Wand“ die große Leinwand, es ist weniger Anschauungsmaterial als vielmehr ein Schaustück über die Verbrechen einer Liebe, wie sie nur der deutsch-orientalische Kulturextremismus zeichnen kann. Wie kann man maßvoll sein in einer Welt sich messender Tollpatsche? Die Wohlstandsparolen greifen nicht, der Vertröstung auf das spätere kleine Glück begegnet man mit Hohn und Spott. Der Bürger – paarungswillig, aber beziehungsunfähig – ist einem erschöpften Verbraucher anverwandelt, der auf der Suche nach dem ultimativen Rabatt fast all seine Kraftreserven mobilisiert.

Wer nicht mithalten kann und will, wandert ab in die Peripherie: Hier am Rande der gesellschaftlichen Konsumkämpfe, tummeln sich unter anderem ausgelaugte Zivilisten. Sie haben es längst aufgegeben, erlöst zu werden aus ihrem Elend, der Angstfrost friert ihre Gesichter zu Warnmasken ein, dass jeder, der die Nähe sucht, vor unbefugtem Betreten gewarnt werde. Es geht nur noch darum, die allgemeinen Geschäftsbedingungen auszusprechen, das Liebesverhältnis von Mann und Frau lässt eine wirkliche Intimität nicht zu. Wer wollte schon auf Abwehr gepanzerte Krustentiere zu mehr als dem Alltagsleben anstacheln? Und doch – es gibt eine Liebe, die das Fassungsvermögen der Hölle übersteigt; man muss nicht in Pathos flüchten, aber das Prinzip der morgenländischen Herzverrücktheit verstehen, wenn man Fatih Akin folgen möchte.

Im Anfang ist die Verzweiflung: Cahit (hervorragend gespielt von Birol Ünel) mag das Leben, in dem er feststeckt, nicht mehr hinnehmen. Er arbeitet als Ausputzer des Unrats in einer kleinen Kulturhalle, nach den Konzerten sammelt er die leeren Bierflaschen auf und vertrinkt anschließend am Tresen seinen Tageslohn. Der stille Säufer steigt in seinen Wagen und fährt spektakulär gegen die Wand. In der Genesungsklinik trifft er auf eine junge Frau, die das Drama des eingeschränkten Türkenmädchens durchlebt hat. Vor die Wahl gestellt, in eine legale Entjungferung in der Ehe einzuwilligen, oder als Straßenflittchen Schmach über die Familie zu bringen, entschied sie sich für einen Tod ohne weitere Komplikationen. Beide haben sie Gewaltakte überlebt, sie sind wider Willen noch einmal davongekommen, und es sieht zunächst nicht so aus, als wollten sie sich ein besseres Leben gefallen lassen.

Die Begegnung hat Folgen: Cahit geht mit Sibel (Sibel Kekilli) eine Scheinehe ein. In diesem Stand der Gnade kann die Papierbraut, unbehelligt vom Aufsichtspersonal des Elternhauses, den Launen ihrer Lust nachgeben. Auch wenn Sibel das Jungfräulichkeitsdogma klug umgeht und auf der Partnerbörse ihr Heil sucht – der offizielle Mann an ihrer Seite, bis zu dieser Stunde betäubt und willenlos, erwacht aus seinem Dämmerschlaf. Mit der großen Liebe hatte er abgeschlossen, und als sie ihn auf das Foto einer unbekannten Frau anspricht, wirft er, da er nicht anders kann, mit Flaschen nach ihr.

Sie hat ihre one night stands, er hat gelegentlichen Prügelsex mit einer Hairstylistin. Sie verbringt die Nächte in anderen Betten, er kommt mit jedem Schluck dem Schnapstod des Säufers näher. Ein Stimmungsumschwung ist Cahit nicht anzumerken, nur sein Blick, den er auf die Sprunghafte, die Entfliehende, die Unberührbare richtet, verrät ihn als den wiedergeborenen Liebeslevantiner. Was sein Herz begehrt, darf ihn nicht verlassen: An Sibels Seite möchte er leben, nicht mehr als Mietrüpel, nicht länger als Schaulustiger, der vom Schattenwinkel einer Diskothek aus mit ansehen muss, wie sie auf der Tanzfläche den Loverboy für die Nacht lockt und einfängt. Es reicht eben nicht aus, nur mit der Tradition zu brechen und an ihrer Stelle der Libido und der Libertinage anzuhängen: Man wird aus freien Stücken zum Fremden unter Fremden.

Fatih Akin führt an seiner weiblichen Hauptfigur aus, dass es fast eines todessüchtigen Ungestüms bedarf, Brauch und Sitte zum Teufel zu jagen. Sibel ist durch Fremdverschulden unglücklich, der Ehrenkodex anatolischer Umsiedler in deutschen Metropolen dient als Zuchtpeitsche einzig und allein der Frauenbekämpfung. Allerdings macht der bloße Abfall vom Altväterglauben nicht selig. Die Abtrünnigen, von dem Willen angetrieben, ihre kleine Freiheit auzukosten, kommen bald aus dem Tritt, verdämmern ihre freien Tage als entseelte Fleischmaschinen.

Fatih Akin sieht sich zu Recht in der loyalen Opposition gegen die Tradition, und er hat in seinem Film wunderbare Paradeszenen eingerichtet: Cahit sitzt wenige Tage nach der Hochzeit in einer Männerrunde, und als er die Bordellfantasien mit einem four letter word kommentiert, kommt es fast zu einer Prügelei. Diese Männer verlieren ihre halbe Ehre bei den Prostituierten und halten ob der verlorenen Unschuld über ihre Töchter, ihre Schwestern und ihre Mütter Gericht, damit sie sich wieder mit reinem Angesicht bei den Nachbarn und anderen Ehrenmännern sehen lassen können. Im Nebenzimmer dagegen erzählen die Frauen – im harem-ähnlichen Privatsalon der Schlüssellochkontrolle entzogen – frivole Geschichten von der Zungenfertigkeit ihrer Brunfthengste.

Die Lust am Untergang zieht Sibel und Cahit wie eine blinde Kraft hinab – konsequenterweise sind Reinheit und Reinwaschung die zentralen Metaphern des Films. Dabei erstellt der Regisseur das Psychogramm der jungen Orientalen in der Diaspora: Sie leiden an der narzisstischen Selbstwertstörung. Die Autoaggression ist ein bewährtes Mittel, in allerletzter Not aus dem Mittelweg auszuscheren. Besonders im Orient greifen die Verzückten wie die Verstörten auf eine lange Tradition der Selbstverletzung. Die Geißler einer Bußprozession schlagen sich, im Rhythmus der Klagelitaneien, die Rücken blutig. Die ekstatischen Jünger eines Schlagersängers, meist zornige junge Männer aus den Armenvierteln, reißen sich beim Anblick ihres Idols die Haut mit Rasierklingen auf.

Alle Morgenländer dieser Welt kennen die Katastrophensucht (türkisch: kara sevda), die mehr ist als Melancholie und die Trauer darüber, dass man die Geliebte, die Unschuld, den schönen Augenblick verloren und versäumt hat. Wer in diesem paradoxerweise berauschenden Elend steckt, kann nicht anders, als das böse Blut ausfließen zu lassen. Der Rückfall in die sanfte Barbarei muss den Herzverrückten gestattet sein – ihre Körper, dem Regelwerk entronnen, aus dem Zuchthaus des Männeranstands in die deutsche Freiheit entlassen, erkalten in den Posen der Enthemmung.

Sie sind gezeichnet von Lebenswunden und Liebesmalen; Sex, Drogen und die Schocks der Moderne taugen vielleicht als Aufputschmittel, in der Liebe aber zählt allein die Berührung. Ein jeder will doch, nachdem er in den Kältekammern der Großstadt sich zu Tode fror, von der richtigen Frau oder dem richtigen Mann angefasst werden. Fatih Akin erzählt also die Fabel von der magischen Hörigkeit. Sibel legt keinesfalls die schamhafte Vermummung ab, um in der Anonymität aufzugehen. Endlich bricht Cahit, da weder die Alkoholrebellion seine Depressionsstarre bricht, noch die Lauge des Hasses sein Herz reinigt, aus der Abseite heraus. Man sieht ihm die Besessenheit wieder nicht an, doch als sich ihm ein Nebenbuhler in den Weg stellt, kennt er kein Zaudern. In den Augen von Sibels Türkenbruder ist er zum Ehrenrächer aufgestiegen – doch was kümmert ihn die Ehre, wenn die Frau seines Lebens nach Istanbul geflohen ist?

Hier, in dieser gärenden Megalopolis, sucht und findet er Sibel: eine geläuterte, für Cahit fast unerreichbare Frau. Viele Höllen und der Männer Attentate hat sie überlebt. Man brachte ihr bei, das Gesetz oder eben die Liebe überdauerten die Zeit, überragten die Menschen, diese Ameisen Gottes. Sie aber trifft sich nach langer Zeit mit Cahit wie mit einem Liebhaber in einem Hotelzimmer. War sie nicht schon immer die treibende Kraft gewesen? Cahit fügte sich in sein Schicksal, und bald ist Sibel, die von Anfang an sein Temperament peitschte, sein Schicksal. Am Ende ihrer beiden Geschichten, da sie sich in der amour fatal verzehrt haben, sind Schuld und Sühne von starken Winden verweht: Nun sind sie wirklich frei von Sünde, und frei voneinander.

Nein, das ist kein postmigrantisches Kino, nicht eine Abhandlung über die Türkenliebe und nicht wieder ein Dutzendfilm über das Leiden liebeseifernder junger Männer und Frauen. Fatih Akin hat mit diesem grandiosen Liebesepos die deutsche Romantik wiederbelebt, er hat sie entschlackt, ihr die hohl schwärmerischen Momente entnommen und die orientalische Herzhitze eingebrannt. Wir versinken in unseren Kinositzen, wir treten hinaus in die Nacht, wir fletschen hungrig verliebt die Zähne. Uns fehlen die Worte.

Der Autor lebt als Schriftsteller und Bildender Künstler in Kiel. Soeben ist sein Erzählungsband „Zwölf Gramm Glück“ bei Kiepenheuer & Witsch erschienen (240 S., 17,90 €). Im gleichen Verlag kommt Ende März auch „Gegen die Wand. Das Buch zum Film“ heraus, mit Drehbuchmaterialien, Interviews – und diesem Text von Feridun Zaimoglu.

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