Kultur : Lebenszeichen

„Russian Criminal Tattoos“ in der Galerie Hetzler.

Tomasz Kurianowicz
Foto: Galerie Max Hetzler
Foto: Galerie Max Hetzler

Es sind nur Tattoos. Aber schon der naive Zugang verrät, dass diese dichten Tätowierungen auf den Fotografien des Russen Sergei Vasiliev mehr sind als profane Kunst auf der Haut. Es sind Symbole. Der Fotograf hat Anfang der neunziger Jahre russische Häftlinge porträtiert und deren Tattoos abgelichtet. Unter dem Titel „Russian Criminal Tattoos“ stellt nun die Galerie Max Hetzler das Ergebnis dieser abenteuerlichen Chronistenarbeit aus.

Die Körper der Häftlinge sind übersät mit Anspielungen und Codes, die teilweise dekorativ wirken, teilweise schockieren. Oft stehen auf den muskulösen Bäuchen, Armen und Schultern obszöne Sprüche, faschistische Parolen wie „Jedem das Seine“, die für die Insassen als Distinktionsmerkmal und als Mittel der Abgrenzung fungierten. Somit richtet sich die Sprache der Ablehnung auch gegen Autorität, Politik und bürgerliche Gesellschaft. Um die ganze Breite der Anspielungen begreiflich zu machen, hat die Galerie unter den Bildern kurze Texte angebracht, die die Tätowierungen erklären. Da bedeutet etwa ein Dolch auf dem Hals, dass der Urheber im Gefängnis einen Mord begangen hat – und es wieder tun würde. So nimmt der Schrecken seinen Lauf, von Bild zu Bild, von Verbrecher zu Verbrecher. Die Werke sind ein Panoptikum menschlicher Abgründe und Dystopien. Und gerade deshalb erschreckend faszinierend. Nicht nur die Körper der Kriminellen ziehen an, sondern die gesamte spröde Ästhetik dieser historischen Fotografien in Schwarz-Weiß (2000–3000 Euro).

Im nächsten Teil des Raumes wird es noch skurriler: In acht großen Bilderrahmen sind 120 Motive von Tätowierungen zu sehen, die der russische Wärter Danzig Baldaev in sowjetischen Gefängnissen zwischen 1948 und 1986 abgezeichnet hat. Darüber hinaus hat er die Geschichte der Inhaftierten festgehalten. Ob Tschetschenen, die für die Autonomie ihres Landes kämpften, Deutsche, die nach dem Zweiten Weltkrieg in Gefangenschaft kamen, oder Kleinkriminelle – die Urheber der Tattoos versuchten, der Zeit hinter Gittern einen Sinn zu geben, indem sie ihre Körper als Medium nutzten. Zur Mahnung, Erinnerung oder als Dokument ihres Stolzes.

Auffällig ist die pornografische Ikonografie, die selbst in den politischen Motiven hervorsticht: riesige Penisse auf Politikerköpfen, obszöne Beschimpfungen gegen Kommunisten und Parteifunktionäre, Phallussymbole an den unmöglichsten Stellen – der Fantasie scheinen keine Grenzen gesetzt. Was beeindruckt, ist die Authentizität dieser privaten Zeichnungen. Man sieht, dass hier kein Künstler gearbeitet hat, sondern ein faszinierter Beobachter, der sich als Chronist einer außergewöhnlichen Fetisch-Kultur verstand. Danzig Baldaev konnte nicht wissen, dass seine akribisch archivierten Kritzeleien diese ungeheure Wirkungskraft entfalten würden. Sie zeigen eine Welt voller Gewalt und Gleichgültigkeit, die bis ins Detail verstört. Tomasz Kurianowicz

Galerie Max Hetzler, Oudenarder Str. 16-20, bis 16. 6., Di - Sa 11 - 18 Uhr

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