Kultur : Lebst du noch, oder wohnst du schon?

Architekt Jörg Ebers wurde sein eigener Bauherr. Zu Besuch in seinem preisgekrönten Stadthaus in Mitte

Daniel Völzke

Das Gebäude scheint zu glühen vor Glück, Heiterkeit und verspieltem Selbstbewusstsein. Vielleicht ist es die mit grünem Glasmosaik verkleidete Fassade, oder es sind die vier großen Eichenholzfenster in gegengewichtiger Anordnung, die überdimensionierte Haustür mit runden Bullaugen. Vielleicht stellt sich dieser Eindruck aber auch erst ein, nachdem man Jörg Ebers getroffen hat. So richtig vermag man das im Nachhinein nicht mehr zu sagen. Zu sehr ist der freie Architekt mit diesem schmalen Stadthaus in der Auguststraße verbunden: Er hat es entworfen, gebaut, und er wohnt in den von ihm selbst ineinander gestapelten Räumen. Einige Preise nahm der 37-Jährige für das Projekt entgegen, darunter den Bauwelt-Preis und vor einigen Tagen den Deubau-Preis.

Wenn er über sein waghalsiges Unternehmen spricht, dann in dieser Gewissheit, etwas ganz und gar richtig getan zu haben: Mit dem Kauf des Grundstücks, das als unbebaubar galt. Mit den mühsamen Verhandlungen, bei denen ihm 15 zuständige Behörden oft Steine in den Weg legten. Mit dem ungewöhnlichen Entwurf für ein Haus, das anders ist und doch den Dialog sucht mit den alten Nachbarfassaden aus dem 19. Jahrhundert.

„Tollkühn“ ist das Wort, das Jörg Ebers findet, um seine Herzensangelegenheit zu beschreiben. Und tollkühn muss man sein, um als junger Architekt in Berlin bestehen zu können. Ebers sitzt auf der breiten Fensterbrüstung in der oberen Wohnung seines Hauses und ruft sich noch einmal in Erinnerung, wie es war damals: Er hat in Büros gearbeitet und Ausstellungsarchitektur entworfen. Etwas gebaut hat er nie. So ging es jahrelang. Den Immobilienprofis und Investoren dieser Stadt fehlt das offenbar: Tollkühnheit. Lieber vertrauen sie bei der Wahl ihrer Architekten auf etablierte Namen. Ebers hatte Glück, er erbte und besaß plötzlich Mittel. Warum länger warten, dass andere ihn bezahlen würden. Er wurde sein eigener Bauherr, um eine „begehbare Visitenkarte“ zu schaffen.

Also studierte er Lagepläne, um den Rohstoff, das Land, für sein Projekt zu finden. Er fuhr mit dem Fahrrad durch Berlin und sprach immer wieder beim Katasteramt vor. Bald fand er in der Spandauer Vorstadt einen Streifen Brachland, auf dem sommers manchmal Punkkonzerte veranstaltet wurden. In der Nachbarschaft zu „Clärchens Ballhaus“, vielen Galerien und einem Fußballplatz wollte Ebers bauen. Er machte die Grundbesitzer ausfindig und kaufte das Stück – obwohl es wegen seiner geringen Breite von acht Metern vom Bezirk als unbebaubar deklariert war. „Das war einfach ein Gefühl. Ich wollte nicht begreifen, warum man hier nicht bauen könne.“

Jörg Ebers baute. Ein Haus mit einem Ladengeschoss, einer Studiowohnung und einer aufgesetzten Maisonette-Wohnung. Kein Grundriss wiederholt sich. Die Maisonette- Wohnung, in die der Architekt gezogen ist, erstreckt sich über fünf Ebenen mit verschiedenen, meist großen Raumhöhen. Auf den Wegen durch die 120 Quadratmeter öffnen sich stets neue Raumfolgen, Atmosphären und Proportionen. Wechselnde diagonale Blickbezüge und Farbräume lassen die kleine Grundfläche vergessen. Auch das Licht sucht sich eigene Wege durch die Ebenen. Ebers bezieht sich auf Le Corbusier, auf dessen „architektonische Promenade“, die vielfältige Perspektiven und Eindrücke im Wegverlauf zulässt.

Das Wohnzimmer: ein hoher, sich zur Straße öffnender Raum. Darin eingeschachtelt wie ein begehbarer Schrank ist die Kaminecke, als intimer Ort allen Blicken entzogen. „Archetypus Feuerhöhle“, erläutert Ebers. Das Gäste-WC leuchtet im roten Mosaik mediterran. Die Küche schwebt von allen Ebenen einsehbar zwischen Wohnzimmer und Dachgeschoss. Sie sei der „warme Kern“. Mit geriffeltem Holz und Beton verkleidet, verbreitet sie tatsächlich urige Gemütlichkeit. Der Hausherr tritt beschwingt durch die niedrige Tür in die Kammer – und stößt sich nicht den Kopf. „Maßgeschneidert!“, freut er sich.

Vom Herd aus fällt der Blick durch das Wohnzimmer die Kleine Hamburger Straße entlang auf den Fußballplatz. „Hier, wo das Haus steht, ging die Straße weiter als Verlängerung der Sophienstraße“, erklärt der Architekt und breitet alte Stadtpläne aus. Der Grund wurde erst spät parzelliert – weshalb er auch dieses ungewöhnliche Format hat. Nun kann man tief in die Straße schauen. Und diese Sichtachse hat Ebers bis ins Haus, bis in die Küche verlängert.

Das Telefon klingelt, Ebers läuft durch die Wohnung, es zu suchen. Ein gern in Kauf genommener Nachteil dieser verwinkelten Räume: Geräusche lassen sich nicht recht orten. Egal. Der Weg führt weiter hinauf über die skulpturale Treppe zum klar strukturierten Dachgeschoss, das in seiner Gliederung von einem Eisenbahnwaggon inspiriert ist. Hier befinden sich die Schlafecke und das japanisch anmutende Bad.

Der Blick von der Terrasse geht zum Hinterhof hinaus, zum Ballhaus und zu den alten Mietshäusern. Ein „fremder Freund“ unter „alten Bekannten“ sei Ebers Stadthaus, heißt es in der Begründung der Jury des mit 15 000 Euro dotierten Deubau-Preises. Durch die an die Nachbarhäuser gelehnten Fenster sucht das Gebäude den Anschluss an die Umgebung. Bauen im Bestand limitiere einen Architekten nicht, weiß Ebers nun. Das Vorhandene liefere vielmehr wertvolle Orientierung. Damit drückt er das Interesse einer neuen Generation von Architekten an experimenteller, urbaner Architektur aus, den „städtebaulichen Behauptungswillen im Kontext“, wie es weiter in der Jury-Begründung heißt. Ebers hat mit seinem Stadthaus mehr als eine Visitenkarte gebaut. Vielmehr ein Signal, wie man durch Mut, Eigenwilligkeit und Hingabe die Innenstadt attraktiv und aufregend gestalten kann. Der Traum vom Eigenheim ist auch in der Stadtmitte realisierbar. „Ich möchte Gebäude bauen, die Heimat stiften: Einen Ort, an dem man sich gerne aufhält“, sagt Ebers, und er genießt trotz der Kälte den Blick von der Terrasse. „Dieses Zuhausesein wirkt als Verantwortung zurück auf die Stadt. Denn nur wo ich mich wirklich wohl fühle, bin ich auch bereit, Verantwortung zu übernehmen.“

Da ist sie wieder: Die vor Glück strahlende Gewissheit, dass in jedem gelungenen Bauwerk etwas von einer Philosophie für alle steckt.

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