Kultur : Lech Walesa: Kehrtwende im Streit mit Grass

Thomas Roser

Polens Ex-Präsident Lech Walesa will dem deutschen Literaturnobelpreisträger Günter Grass für dessen späte SS-Beichte nun doch vergeben. Die frühere Galionsfigur der Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc hatte von Grass wiederholt die Rückgabe der Danziger Ehrenbürgerschaft wegen dessen einstiger Mitgliedschaft in der Waffen-SS gefordert und gar mit der Niederlegung seines eigenen Ehrenbürger-Titels gedroht. Doch in einem gestern veröffentlichten Interview in der „Gazeta Wyborcza“ zeigt sich der sprunghafte Walesa mit einem Mal wesentlich versöhnlicher. Der „unglückliche Mensch“, der sich nach 60 Jahren zu einem Bekenntnis entschlossen habe, solle sich nun an seine Bekannten in Danzig wenden, fordert Walesa den berühmtesten Schriftsteller-Sohn der Stadt zu einer „Geste“ an die Danziger auf: „Dann werden wir ihm vergeben und bitten, dass er Ehrenbürger bleibt.“

Zu der Kehrtwende haben den parteilosen Walesa wohl auch die nachdrücklichen Forderungen nach Aberkennung des Ehrenbürgertitels von Seiten der rechtsnationalen Regierungspartei PiS veranlasst. Mit seinen einstigen Mitarbeitern und PiS-Gründern, Premier Jaroslaw und Präsident Lech Kaczynski, liegt die Arbeiterlegende seit längerem im Streit. In einem offenen Brief haben sich gestern 13 polnische Schriftsteller gegen die „zynische Ausnutzung“ des Grass-Bekenntnisses durch heimische Politiker gewandt. Das Eingeständnis von Grass sei zwar eine „schmerzliche Nachricht“. Doch dürfe die „Tragödie“ des Schriftstellers nicht zum Gegenstand politischer Spiele werden, fordern die Unterzeichner, zu denen die Literaturnobelpreisträgerin Wislawa Szymborska sowie die Danziger Schriftsteller Stefan Chwin und Pawel Huelle zählen: „Wir können und wollen die großen Verdienste von Günter Grass für Polen nicht vergessen.“

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