Kultur : Leere Versprechungen

Mit seinen streng geometrischen Objekten macht Gerold Miller Furore. Atelierbesuch bei einem Minimalisten

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Von Katrin Wittneven

Schon die Aufgeräumtheit seiner Arbeitsräume widerspricht dem Künstlerklischee des Genies, das aus dem Chaos schöpft. In Gerold Millers Kreuzberger Atelier wirkt die Ordnung der Dinge sozusagen struktualistisch, alles hat hier seinen Platz. Nichts lenkt von der Planung der beiden Ausstellungen ab, die heute im Hamburger Bahnhof und am Sonnabend in der Galerie Anselm Dreher eröffnen werden. In zwei Modellen hat der Künstler den Ausstellungsaufbau präzise vorausgeplant, beim Aufbau feilt er dennoch bis zum letzten Moment. Das langgestreckte Atelier erinnert eher an einen Denkraum als an eine Werkstatt. Wo sich bei anderen Künstlern Farbtuben, Werkzeuge oder Leinwände stapeln, steht bei Miller bloß ein „Colormaster“, ein handlicher Kasten mit Autolackfarbmustern, hinter dem Schreibtisch. Der hochglänzende Industrielack ist inzwischen zum Markenzeichen seiner Kunst geworden. Großformatige farbig lackierte, polierte oder eloxierte Aluminiumobjekte aus unterschiedlichen Werkphasen hängen an den Wänden, als wollte sich der 1961 im süddeutschen Altshausen geborene Künstler seine eigenen Schaffensphasen im Bewusstsein halten. Wie große leere Rahmen wirken die Objekte an der Wand. In ihrer Dreidimensionalität sind sie gleichermaßen Bild und Skulptur.

Der von Außen halbeinsehbare Atelierraum im Erdgeschoss eines Hinterhofes passt gut zu der Kunst, die hier konzipiert wird. Wie der Raum oszillieren auch die Arbeiten zwischen Begriffen wie „Einbeziehen“ und „Ausgrenzen". Der erste Zugang zu Millers Arbeiten fällt leicht. Ihn inspirieren für den Betrachter wiedererkennbar Farbkombinationen aus dem Stadtbild: ein Konzertplakat, die Werbung auf einem Bus oder der Farbverlauf auf einer Zeitungsseite. Miller greift diese Farbkombinationen auf, etwa die Rasta-Farben Rot, Grün und Gelb oder in der aktuellen Ausstellung Schwarz, Rot und Gold. Die gefundenen Verbindungen präzisiert er zu Farbverläufen oder unterschiedlich farbigen Aluminiumkörpern, die nach seinen Angaben von einem Handwerksbetrieb produziert werden. Ein weiterer Betrieb sorgt anschließend für die Lackierung. Miller steht in der Tradition der Minimal Art-Meister, die in den sechziger Jahren industrielle Herstellungsweisen auf die Kunst übertrugen. Doch anders als Donald Judd oder Sol LeWitt geht es Miller nicht allein um die mit der technischen Fabrikation verbundene Perfektion und Neutralität. Spuren des Transports, Fingerabdrücke auf dem Rand der Wandobjekte etwa, lässt er stehen, wie der Maler die Pinselspuren auf dem Rand der Leinwand. Miller bewegt anderes: die ebenso einfache wie komplexe Frage, was ein Bild überhaupt ist. „Mich interessieren Konzepte, kein Formalismus“, stellt er klar. Miller fühlt sich missverstanden, wenn man seine Arbeiten als „Post-Minimal“ kategorisiert. Er sieht sich als zeitgenössischer Künstler, genauer gesagt, seiner Ausbildung entsprechend: als Bildhauer. „Ich plane immer räumlich.“

An der Stuttgarter Akademie hatte Miller Bildhauerei bei Jürgen Brodwolf studiert, nach seinem Abschluss 1989 führten ihn Stipendien nach Chicago, New York und Paris. Werke von ihm waren inzwischen bei Ausstellungen in aller Welt zu sehen, neben seiner Charlottenburger Stammgalerie Dreher arbeitet Miller mit Kunsthändlern in den Niederlanden und Australien zusammen. Seine konzeptuelle Arbeit braucht Zeit: Er habe seit dem Studium „genau 1,8 Arbeiten pro Monat“ produziert, rechnet er vor.

Bei einem Besuch des Ausstellungsaufbaus im Hamburger Bahnhof wird deutlich, was Miller mit seinem räumlichen Ansatz meint. Für die Ausstellung „get ready“ entwickelte er ein Gesamtkonzept, zu dem neben Beispielen aus seiner aktuellen Produktion und Weiterentwicklungen früherer Arbeiten auch Werke anderer Künstlern gehören, die für ihn eine Art Referenzrahmen darstellen. Im ersten leuchtend rot lackierten Ausstellungsraum hängt neben Millers Offsetdruck „Farbverlauf Schwarz-Rot-Gold“ ein Gemälde des 1976 verstorbenen amerikanischen Minimalisten John McLaughlin. Zu hören ist eine Toncollage des deutschen Minimalisten Peter Roehr, der in den sechziger Jahren Radioaufnahmen und Popmusik zu einer Endlosschleife montiert hatte. Auch die Titel von Millers durchnummerierten Arbeiten wie „Ready-Mix“ und „hard:edged“ verweisen auf die Kunstgeschichte: Sie spielen rhetorisch mit Duchamps „Ready Made“-Skulpturen und den streng geometrischen Bildern von „Hard Edge“-Malern wie Barnett Newman oder Elsworth Kelley.

Den Kern der Ausstellung bilden Millers aktuelle Arbeiten, die formal mit dem ersten Raum korrespondieren. Drei kleinformatige Wandobjekte sind in ihrer Proportion als „leere Rahmen“ näher am Bild, die großformatigen Arbeiten mit ihren Querverstrebungen, die trotz des Leichtmetalls bis zu 260 Kilo wiegen, stehen in ihrer Objekthaftigkeit eher in Proportion zum Raum. Miller dehnt den Bildbegriff auf den gesamten Raum aus. Der hintere Bereich des Werkraums wurde mit einer Wand abgeteilt, Fenster würden den konzentrierten Raum stören. Plakate, die über die Wand verteilt sind, ergeben einen Farbverlauf von Weiß zu Schwarz, der auf eine Arbeit verweist, die Miller für das exklusive Maybach-Center in Sindelfingen entwickelt hat, das pro Tag nur einen Kunden emfängt.

„Die Skulptur ist das Auto, ich schaffe nur die Rahmenbedingungen“ kommentiert er seinen farblich zurückhaltenden Eingriff, der hier im Museum ein Gegengewicht zu den spiegelnden Wandobjekten wird. Darüber leuchtet eine blaue Neonröhre wie ein Verweis auf Dan Flavin, von dem mehrere Arbeiten im Hamburger Bahnhof hängen. Mit vier Klappstühlen kann der Besucher selbst einen Raum festlegen - eine Art Minimalbegrenzung. Dieser spielerische Umgang mit dem Raum scheint den klaren Setzungen der massiven Wandobjekte zu widersprechen. Doch diese Gegengewichte machen den Reiz an Millers Arbeit aus. Vor Jahren plakatierte er als Widerspruch zu den „leeren Bildern“ ein Foto von Pamela Anderson in einer Ausstellung oder ließ den Ausstellungsraum von einem Hund markieren. Auf der Grundlage eines polnisches Posters, das an Bushaltestellen als Platzhalter für Werbeflächen diente, entwickelte er Außenarbeiten, die als seriell nebeneinandergesetzte fotografierte Kamerablitze in grellem Pink und Orange wie Pop-Art Werke der sechziger Jahre wirken. Im Zentrum von Millers Kunst stehen visuelle Leerstellen. „Leere Versprechungen“ sagt er lächelnd. Wohl wissend, dass er mehr Fragen als Antworten hinterlassen hat.

get ready, Hamburger Bahnhof, vom 21.9. bis 10.11., DibisFr 10-18 Uhr, SaundSo 11-18Uhr. Ausstellung in der Galerie Dreher, Pfalzburger Str. 80, Charlotenburg, 24.9. bis 16.11., Di bis Fr 14-18.30, Sa 11-14 Uhr.

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