Kultur : Legende von der besseren Welt

Die Schwierigkeit, einander zu verstehen: neue Filme aus Frankreich und Thailand bei den 60. Filmfestspielen Venedig

Jan Schulz-Ojala

Multikulti: Was für ein seltsames Schmusipusi-Wort haben wir in Deutschland für das, was die globalisierte Welt umtreibt. Oder das bürokratisiert weichgespülte „Miteinander der Kulturen“: Bezeichnet es nicht vielmehr ein Auseinander, ein Gegeneinander, an dessen Grenzen im Namen kultureller und religiöser Identität Kriege geführt wurden und werden, noch und noch? Das amerikanische Kino, das den Bilderweltmarkt kontrolliert, erzählt zwangsläufig wenig davon: Es betreibt die Globalisierung hegemonial. Umso heftiger fühlbar wird das schmerzhafte Aneinanderstoßen der Welten im faszinierend babylonischen Sprachen- und Bilderwirrwarr von Filmfestivals, wo das wahre Weltkino zum Zuge kommt.

Nicht nur, dass – wie gerade bei den Filmfestspielen in Venedig – ein Publikum aus Dutzenden von Ländern Filme aus Dutzenden von Ländern guckt, die italienisch und englisch untertitelt sind. Nein, auch auf der Leinwand sprechen sie mitten in einem Film verschiedene Sprachen, versuchen sich zu verstehen, ziehen aus dem Nichtverstehen Vorteil, setzen Grenzen, überwinden Grenzen, verletzen sich wieder an ihnen.  Jacques Doillon zum Beispiel, ein Meister des nervösen Hin und Her zwischen Menschen, der Anläufe zueinander und Abbrüche mitten im Sprung, lässt in „Raja“ einen reichen, zynischen, zärtlichkeitssüchtigen Franzosen und eine junge Marokkanerin aufeinander los. Und was wie ein spätkolonialistischer Sklavinnenkauf im heutigen Nordafrika beginnt, wandelt sich über die ebenso lächerliche wie tragische Liebesgeschichte zu einer Metapher auf die kühle Rache, die die so genannte Dritte an der so genannten Ersten Welt nimmt.

Fred (Pascal Greggory) spricht kaum Arabisch, und Raja (Najat Benssalem) kaum Französisch. Der Anfangfünfziger mit Haus und Garten und Pool unter afrikanischer Sonne, mit zwei alten, ihm weise ergebenen arabischen Haushälterinnen plus Hausdiener, ist ein Luxusgefangener in der Fremde. Als er sich aus ein paar möglichen neuen Gärtnerinnen Raja erwählt, damit sie ihm bald im Haus auch sexuell zu Diensten sei, verstrickt er sich immer tiefer in eine Welt, die er weder sprachlich versteht noch mental begreift. Heiraten könnte er Raja am Ende wirrer Umarmungen und heißen Verstoßens und den Kauf somit sinnvoll besiegeln; stattdessen stürzt er die ehemalige Prostituierte, die er zeitweise in die Prostitution zurückjagt, in die Ehe mit ihrem immerhin vernünftigen Freund – und gibt den beiden ganz gegen seine kindische Liebe zu Raja einen Batzen Geld dazu.

Doillon inszeniert diesen Zweikampf, erst aufregend und dann wie so oft manisch auf der Stelle tretend, als Passionsgeschichte. Es ist eine Art Liebe, die Fred ruiniert; ein Luxusgefühl gegenüber jener Unfreiheit, die Raja fast zerstört. Nein, dieser Fred, der sich im Netz einer fremden Kultur verfängt, verdient kein Mitleid, keine Wärme. Ganz anders die junge Noi (Sinitta Boonyasak) und Kenji (Asano Tadanobu) in der großen Film-Überraschung dieser ersten venezianischen Tage, „Last Life of the Universe“ von Pen-ek Ratanaruang. Hier versuchen zwei, die ebenfalls kaum eine Sprache miteinander haben, sich zu verstehen – Noi arbeitet als eine jener thailändischen Alltags-Geishas, die japanischen Geschäftsleuten beim Kollektivbesäufnis den Abend versüßen. Der junge Japaner Kenji ist Angestellter in einer Bangkoker Bibliothek. Und kein kalter Kauf führt die beiden für ein langes Wochenende zusammen, auch nicht die Liebe, sondern ein sehr vorsichtiges Aufmerksamwerden füreinander.

Der Regisseur erzählt diese Geschichte einer Annäherung wie das Wiedererwachen zweier, die für sich selbst schon gestorben schienen. Dies geschieht, in den fantastischen Bildern des Kameramanns Christopher Doyle, in einer Welt aus Kontrasten: hier das Chaos in Nois seltsamer Bleibe in der Stadtrandbrache, das von Selbstaufgabe kündet, dort die zwanghafte Ordnung in Kenjis Appartment, das Alltagsgitter eines Mannes, der sich fortwährend das Leben nehmen will. Dass ihm das immer wieder nicht gelingt, macht den Film leise heiter; und wie Kenji dann, obwohl der Irrwitz um ihn herum überhand nimmt, wieder ins Leben findet, scheu und zart und mit plötzlich viel Zeit, macht beim Zusehen fast glücklich. Und die Zukunft dieses Paares, das gar kein Paar ist? Ein Traum. Auch das weiß dieser wunderbar lakonische Film besser.

Ein weiteres „multikulturelles“ Paar gibt sich in François Dupeyrons ehrbarem „Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran“ die Ehre (nach einem Roman von Eric-Emmanuel Schmitt): Der Film mit Omar Sharif, der am Freitag in Venedig einen Ehrenlöwen für sein Lebenswerk bekam, läuft außer Konkurrenz. Ein Weltstar-Vehikel, wird man sagen dürfen; eine liebevolle Hommage auf ein unvergessliches und nun in ein leuchtendes Alter gekommenes Gesicht des Kinos. Omar Sharif spielt darin den „Araber“, den kleinen Lebensmittelhändler in einem Pariser Armeleute-Quartier der späten Fünfzigerjahre. Sein Filmpartner ist der 13-jährige Moise (Pierre Boulanger), ein frühreifer jüdischer Nachbarsjunge, der den Straßenmädchen in seiner Rue Bleue nachstellt – und irgendwann wird Onkel Ibrahim zu Moises Ersatzvater.

Ein jüdisch-arabisches Versöhnungsstück, ein Bekehrungsstück, Rührstück auch. Doch damit die Weitergabe der menschenfreundlichen Botschaften des Koran und die Übernahme der Vaterschaft störungsfrei gelingt, muss Moises alleinerziehender Vater erst arbeitslos werden und eines unrühmlichen Selbstmordes sterben. Schon reisen Moise und Ibrahim heim nach Kappadokien, wo der Alte sich alsbald zum Sterben hinlegt, nicht ohne den Jungen mit dem Erbe des kleinen Ladens und zahlreichen Lebensweisheiten wohl versorgt zu haben.

In diesem schmuck fotografierten und erzählten Film geht alles für eine Idee auf, und selbst der innewohnende Antisemitismus wird durch die Nathan-der-Weise-Figur des großen Omar fast planiert. „Monsieur Ibrahim“ wirbt für nichts als Menschenliebe und Güte und Frieden, verkörpert durch einen gottähnlichen und doch bescheidenen Menschen. Viel Applaus gab es dafür am Lido, auch unter den Journalisten. Die bessere Welt wird im Kino eben immer wieder gern gesehen. Wenn auch nicht gerade in den besseren Filmen.

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