Kultur : Legenden vom Trinker

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Von Sassan Niasseri

Das Wort „Exist“ prangt in riesigen Buchstaben auf der Bühnenleinwand; „Exist“, das als trotziger Imperativ auch meinen soll: Ihr kriegt uns niemals tot. Oasis, die vielleicht aufregendste britische Rockband der Neunziger Jahre, lebt. Trotz all der Trennungsgerüchte, Handgreiflichkeiten und Drogenaffären, mit denen das Bandleader- und Brüderpaar, Komponist Noel Gallagher und Sänger Liam, zuletzt Schlagzeilen machte. Mit jedem Album, das Oasis nach ihrem Klassiker „What’s the Story, Morning Glory?“ 1995 veröffentlichten, nahmen die Erfolge ab, die Probleme aber ständig zu.

So bleibt es ein wenig rätselhaft, weshalb sie als Live-Band weiterhin so beliebt sind: Nicht nur die Konzerte in London, anberaumt zur Veröffentlichung ihres neuen Albums „Heathen Chemistry“, waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Auch die Berliner Columbia-Halle barst vor Erregung anlässlich ihres einzigen Deutschland-Auftritts. Dabei sind Oasis für ihre Formschwankungen berüchtigt. Ihren Reiz beziehen Konzerte vor allem aus der Spannung, die das Bühnenleben der Gebrüder Gallagher entfaltet. Die Rivalität ist ständig zu spüren: Liam, der Unbändige, der Kontakt-Verweigerer, der seinen Bruder weder ansieht noch auf seine versteckten Offerten reagiert und bei längeren Gitarrensoli seines Bruders schnurstracks zu verschwinden pflegt. Dagegen Noel, der den Jüngeren abzufedern versucht, sich als harter Band-Arbeiter präsentiert, um seine Songs vor den Ausfällen des Bruders zu retten. Doch es ist sein Schicksal, dass diese Bemühungen oft fruchtlos bleiben und von Liams rüpelhafter Coolness weggefegt werden, weil der sich als vulgärer Kotzbrocken der Unterschicht gibt.

An diesem Abend aber kommt es anders: Liam ist nicht cool, sondern irgendwie dumm und wieder einmal sturzbetrunken. Lediglich bei „Go Let It Out“, immerhin bereits der vierte Song des Abends, wäre Liam beinahe aufgewacht. Aber auch nur fast. „Come on you fucking Germans“, ruft er dem Publikum vor dem Schlussrefrain zu, in der Hoffnung auf noch lauteren Jubel. Den bekommt er, die Menge ist verrückt nach ihm, hält englische Flaggen in die Höhe. In Liams Augen ist kurz das Funkeln der Begeisterung zu erkennen, er blickt zu Noel. Der jedoch sieht nur auf seine Gitarre, so dass Liam weider in sich zusammensackt – und das war’s. Er schwankt, schlägt unrhythmisch auf seinen Schellenkranz, spielt gelangweilt mit einem Luftballon und nimmt vor seinem Mikrofonständer eine eigenartig gekrümmte Haltung ein. Wie Stuhlgang im Stehen.

Später verharrt sein Blick auf einem Zuschauer auf der gegenüberliegenden Tribüne, er zeigt auf ihn und nuschelt: „You fucking prick!“ Von da an bestreitet der ältere Bruder den Abend allein. „She’s Electric“ und das bodenständige „Don’t Look Back In Anger“, gesungen von dem über die Jahre immer fitter erscheinenden Noel, sind Angebote zur Verbrüderung, sentimental und von der Art, wie alte Kumpels sich im Pub von verflossenen Liebschaften erzählen. Der Ältere verbeugt sich vor den Zuschauern, schlägt seine Faust vor die Brust.

Seit fünf Jahren darf man den Gallaghers vorwerfen, dass ihre Songs, von den Single-Auskopplungen einmal abgesehen, immer langweiliger und maskenhafter werden. Vor allem, wenn man ihre Konzerte vergleicht, wird das bisweilen erschreckend deutlich, denn ein bierseliger Rockstampfer wie das neue „Hung In A Bad Place“ hat gegenüber den fiebrigen Gitarrenausbrüchen von „What’s The Story, Morning Glory“ überhaupt keine Chance. Auch die letzte Zugabe, eine Coverversion der Rebellenhymne „My Generation“, klingt heute wie ein Irrtum: Zwar spielt die Band den Who-Klassiker druckvoll, aber Liam macht erneut alles kaputt, lallt müde vor sich hin.

Am Ende dann doch das Unerwartete. Der Sänger bedankt sich beim Publikum, ruft: „You were smashing!" Es soll eine nette Versöhnungsgeste sein, aber Liams leerer, verständnisloser Blick verrät, dass er nicht begriffen hat, wo er sich befindet. Vermutlich hat sein Bruder ihm in der Zugabenpause diktiert, was er sagen soll.

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