Kultur : Lehre ohne Bücher

CHRISTIAN BÖHME

Edzard Reuter spricht über "Erfahrungen des Exils" VON CHRISTIAN BÖHME

Das Unglück begann an einem Morgen im Juni 1934.An der Tür der Reuters in Magdeburg klingelte es.Sohn Edzard wurde von der Mutter geweckt, damit er sich von seinem Vater verabschieden konnte.Der Fünfjährige weinte, als er mitansehen mußte, wie zwei lederbekleidete Männer das Familienoberhaupt in eine Limousine schoben und davonfuhren.Mehrere Monate wurde Vater Ernst im Konzentrationslager Lichtenburg erniedrigt und gefoltert.Anfang September kam der spätere Regierende Bürgermeister von Berlin wieder frei, aber es war klar, daß die sozialdemokratisch gesinnte Familie so schnell wie möglich das nationalsozialistische Deutschland verlassen mußte.Wenige Monate später begann Reuters Emigrationszeit. Fast zwölf Jahre verbrachte der frühere Vorstandsvorsitzende der Daimler-Benz AG in der Türkei.Der Gastfreundschaft und den Menschen dieses Landes verdankten Eltern und Sohn ihr Leben.Wie sehr die Zeit Edzard Reuter und seine politischen Ansichten geprägt hat, wurde klar, als er zum Abschluß der spannenden und oft auch beklemmenden Vortragsreihe "Die Erfahrung des Exils" des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU über seine Vergangenheit berichtete. Doch beschränkte sich der 1928 in Berlin Geborene nicht allein auf die Reflexion der eigenen Biographie.Vielmehr nutzte Reuter die Gelegenheit, sich der aktuellen Politik zuzuwenden.So lauteten die Themen des Abends "Einwanderungspolitik" und "Die Türkei". Der kritisch-sympathisierende Blick auf das Land am Bosporus ("Das Volk will zu Europa gehören") und den "aufgeklärten Diktator Kemal Atatürk" kommt nicht von ungefähr.In Ankara erlebte Reuter warmherzige Gastfreundschaft.Opfer für die "Fremden" seien gerade bei den einfachen Menschen etwas Selbstverständliches gewesen.Überall stieß die Familie aus Deutschland auf "überwältigende Offenheit".Und der Standhaftigkeit der Türkei, nicht auf Seiten Deutschlands in den Zweiten Weltkrieg einzutreten, verdankten die Reuters vielleicht das Überleben. Trotz der herzlichen Aufnahmen waren die Emigrationsjahre 1935 bis 1946 eine Zeit der Angst.Zwar erhielt der junge Edzard gemeinsam mit anderen Emigrantenkindern privaten Schulunterricht bei einer deutschen Oberstudienrätin (ohne Bücher!).Doch die alltäglichen Probleme begannen mit der Aufenthaltserlaubnis und endeten bei der Ohnmacht gegenüber der Katastrophe des Krieges.Allerdings konnte das den stets unruhigen Ernst Reuter nicht davon abhalten, trotz des ihm auferlegten Politikverbots im Rahmen seiner Möglichkeiten zum Fall des Terrorregimes beizutragen: sich auf die Rückkehr in die Heimat vorzubereiten.Die ließ jedoch auch nach der Kapitulation Deutschlands auf sich warten.Fast anderthalb Jahre vergingen, ehe die Ausreisepapiere beisammen waren. Für den kaum 18 Jahre alten Edzard Reuter war der Abschied von der Türkei voller Wehmut.Doch ihm fiel es nicht schwer, sich in der alten Heimat wieder zurechtzufinden - ohne die andere Heimat Türkei verleugnen zu müssen.Und schon war Reuter wieder in der Gegenwart angekommen.Denn er wies darauf hin, wie schwer es junge Menschen türkischer Abstammung heute haben, wenn sie in Deutschland aufwachsen.Verkannt werde dabei, daß die ausländischen Mitbürger vieles für die deutsche Ökonomie leisteten.Gleich sieben Gründe nannte der einstige Industriemanager, warum ausländische Arbeitnehmer so wichtig für die Wirtschaft sind - vom Beitrag zur Sicherung des sozialen Netzes bis zur Kaufkraft.Daß solche Argumente in der emotional geführten Diskussion über "Boote, die voll sind" nicht viel fruchten, weiß natürlich auch Reuter.Deshalb fehlte es auch nicht an Appellen in Richtung Politik. Deutschland, selbst im 19.Jahrhundert ein Auswanderungsland, müsse endlich akzeptieren, daß es nun ein Einwanderungsland neuen Typs sei.Der Mut und die Fähigkeit zur politischen Führung würden gebraucht.Und: Nur gemeinsam mit den ausländischen Bürgern könne man die vielfältigen Probleme der Migration und Integration bewältigen... Keine sensationellen Thesen wußte Edzard Reuter dem Auditorium mitzuteilen, und dennoch schien er auch an diesem Abend seinem Ruf als Visionär gerecht werden zu wollen.Aber der frühere Unternehmenschef weiß, wie schwer es sein kann, Visionen Realität werden zu lassen.Als junger Mann brach er nach drei Semestern sein Mathematikstudium ab.Seine Vision - der Gewinn des Nobelpreises - hatte sich als Illusion erwiesen.

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