Kultur : Lehrjahre des Gefühls

Peter von Becker

Ären wechseln heute wie der Wind. Eben noch die Jahrtausendwende, die Gen-Revolution, Terror, Technik, Selbstmordflieger, Gotteskrieger, Steinzeit und Chipzeit, der neue Mensch, die künstliche Intelligenz. Ach. Und plötzlich triumphiert zumindest 200 kurzweilige Buchseiten lang die alte Intelligenz: des wachen Blicks, des staunenden Auges. Auch des zwinkernden Auges. Aber dieses Zwinkern kommt nicht, weil hier einer vom Zeitgeistgelichter geblendet würde. Sondern weil der Autor über die Wunder der Gegenwart leise lächelt - und den Leser oft lautherz lachen macht. Wir reden von dem herrlich klugen, ironischen, hellwach verträumten Buch von Moritz Rinke, das den zwischen Karl Valentin und Anton Tschechow hin- und herflirrenden Titel "Der Blauwal im Kirschgarten" trägt. Unterzeile: "Erinnerungen an die Gegenwart".

Das sind nun nicht einfach nur die gesammelten Aufsätze, Glossen, Satiren, die der Berliner Dramatiker und Tagesspiegel-Mitarbeiter Moritz R. in den letzten Jahren in dieser Zeitung und an anderen Orten (wie "Zeit" oder "Theater heute") publiziert hat. Das schöne Buch ist viel mehr eine Inszenierung für sich: die Sammlung und damit Verdichtung und Verknüpfung ansonsten verstreuter, nur in Archiven rumspukender Gedanken. Gedanken und Beobachtungen, Reportagen und Reflexionen zum Beispiel über die komischen, bestürzenden, verblüffenden Hinter- und Untergründe von Weltausstellungen (Expo 2000), Sexmessen, Kulturstaatsministern, Zukunftsforscherkongressen, Filmbällen, Schafsklonen, Mittelstürmern (Hertha BSC), Theatergestalten.

Ja, diese "Erinnerungen" sind Wahrnehmungen, im Wortsinne auch ergreifende Wahrheiten. Man weiß mehr, über sich und uns, wenn man dem Blauwal im Kirschgarten folgt - und ist jederzeit auch erleichtert, dass Rinkesche Blauwale in der Schöpfungsgeschichte wahrscheinlich den größtmöglichen Gegensatz zu altdeutschen Oberlehrern (die Ernstgesellschaft) oder neudeutschen Galgenvögeln (Spaßgesellschaft) darstellen. Moritz Rinke schreibt federleicht über die allerschwersten, allergrößten Themen, gleich ob es dereinst um Menschen in 4000 Meter hohen Wohnarbeitsstätten oder nur um anderthalb Jahrzehnte Fernsehgeschichte mit Boris Becker geht. Er recherchiert und räsoniert, indem er Sentiment mit Scharfsinn verbindet.

Unsere coolen, schnöden, schnellen Zeiten werden noch einmal zu Lehrjahren des Gefühls, denn hier schreibt auch ein moderner Romantiker. Verträumt und widerständig, findend und erfindend. Jahrzehnte, nachdem Norman Mailer, Tom Wolfe & Co. in den USA einen new journalism erfunden haben, gibt es das Genre mittlerweile auch in Deutschland. Aber ganz anders. Weil unvergleichlich rinkisch.

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