Kultur : Leib und Speise

Auf Bergtour: Pina Bausch gastiert mit „Rough Cut“ im Haus der Berliner Festspiele

Sandra Luzina

Kann der Tanz Berge versetzen? Wenn Pina Bausch kommt, steigt die Erwartung. Die Berliner „Spielzeiteuropa“ beschließt sie mit „Rough Cut“, das von einem dreiwöchigen Aufenthalt in Korea im Jahr 2004 angeregt und im April 2005 in Wuppertal uraufgeführt wurde. In Berlin, so hört man, soll sie mit ihrem Wuppertaler Tanztheater nun öfter Station machen. Pina Bausch und Berlin – das war lange eine Liebesgeschichte aus der Ferne.

Peter Pabst hat sein wohl größtes Bühnenbild gebaut: Eine schroffe weiße Gletscherwand, an die zwölf Meter hoch, ragt mächtig auf im Haus der Festspiele. Pina Bausch bringt Gletscher zum Schmelzen. Durch Projektion verwandelt der Berg sich in eine blühende Wiese, und wenn ein Liebespaar sich dort jagt, läuft dazu der Song „Wicked Game“, in der schrägen Version von Les Reines Prochaines.

Von existenziellen Gefährdungen, vom Tanzen am Abgrund ist an diesem Abend nichts zu spüren. Die heftigen Geschlechterkämpfe, die quälenden Paar-Rituale von früher haben sich in Wohlgefallen aufgelöst. Die prächtigen Bausch- Frauen in ihren durchsichtigen Flatterkleidern – sie beherrschen die Kunst der Verführung. Sie flirten unverhohlen mit dem Publikum. Sie wissen, wie man die Männer schwach macht – mit einem verlockenden Lächeln oder einem traurigen Blick. Bei einer derartigen Charmeoffensive bleibt keiner kühl.

Die Männer sind zwar für die gröberen Verrichtungen zuständig, sie werfen sich Baumstämme zu oder müssen lässig über Bänke hechten. Doch sie nähern sich mit einem ungewohnten Zartgefühl den anmutigen weiblichen Geschöpfen, die sie nie ganz zu fassen bekommen. Und gewinnen ihrer veränderten Rolle eine herrliche Komik ab. Die wundersamen Frauen dagegen scheinen sich immer mit einem Fuß in einem anderen Element zu bewegen. Sie verwandeln sich in Schmetterlinge, Nixen und Kobolde. Sie kosten, wie Tiere, von grünen Grasbüscheln. Und in jeder Hausfrau mit Schürze steckt eine erotische Raubkatze.

Die Männer sind offensichtlich erfahren im Gebrauch der Lüste. Sie wissen, was zu tun ist. Immer wieder sieht man, wie sie eine Tänzerin durch die Lüfte wirbeln oder wie bei einem Kinderspiel in einen Drehtaumel katapultieren. Oder sie legen sie auf geschickte Weise flach, wie ein Klappmöbel. Wenn sie Papierblumen verbrennt, reicht er ihr den Wassereimer. Wenn sie sich, wie die Koreanerin Na Young Kim, mit nackten Füßen in einem somnambulen Tanz verliert, räumen die Herren ihr die Steine aus dem Weg.

Die Tänzer fliegen und springen, schwimmen und tauchen, schlafen und träumen. Aus der Verfremdung alltäglicher Tätigkeiten entfaltet Pina Bausch wieder eine skurrile Komik. Die Frauen fächeln sich mit einem Kohlblatt kühle Luft zu. Rainer Behr wird vom Ensemble gar mit Kohl bedeckt und zur Leibspeise – eine exzentrische Variante von Kimchi, dem koreanischen Nationalgericht. Hübsch auch die Badeszene: Die Männer hängen vornüber gekippt auf kleinen Holzbänken wie aufgereihte Wäschestücke, die Frauen schrubben ihnen liebevoll den Rücken.

Der zweite Teil zeigt kurz Szenen aus Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Menschen, die auf Rolltreppen hinauf- und hinabschweben. Vorherrschend ist aber das Element Wasser. Das Video zeigt die tosende Brandung oder ruhig fließendes Gewässer, in das die Körper der Tänzer regelrecht eintauchen. Doch es bleibt ein Abend ohne Tiefgang.

Dafür aber ist „Rough Cut“ ein Stück, in dem exzessiv getanzt wird, befeuert von koreanischer Rockmusik. Pina Bausch hat ja nach Jahren der Abstinenz wieder zum Tanz zurückgefunden. Das Herzstück von „Rough Cut“ sind die herausragenden Soli: Tänze voller Sehnsucht und Verlangen. Hingebungsvoll und verträumt die der Frauen, schärfer akzentuiert die der Männer. Und für einen Moment ist auch ein Bausch-Rausch möglich. Es bleibt dabei: So wunderschön wird nirgends mehr getanzt wie in Wuppertal, bei Pina Bausch.

Die Szenen werden aufgefädelt wie die Perlen einer Kette. Die Tänzer wickeln uns ein mit ihrer Schönheit und Anmut, doch es sind zu viel der Gefälligkeiten in diesen knapp drei Stunden. Bei so viel demonstrativer Freundlichkeit wünscht man sich manchmal, dass noch mal einer gegen die Wand rennt oder sich in obsessiven Leidenschaften verliert wie etwa der Liebe zu einem Nilpferd. Den emotionalen Härtetest eben. Doch die 17 Tänzer durchmessen in „Rough Cut“ vertrautes ästhetisches Terrain, sie gehen kaum Risiken ein. Auch das emotionale Wagnis hält sich in Grenzen, und so ähneln die Liebenden den Kletterern des Deutschen Alpenvereins, Sektion Elberfeld, die sich Pina Bausch zur Verstärkung auf die Bühne holt. Sie agieren routiniert, gut abgesichert.

Bis 28. Januar (ausverkauft).

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