Kultur : Leibchen und Seelchen

Am BE: Thomas Langhoffs „Endstation Sehnsucht“

von
Nervenwrack. Blanche DuBois (Dagmar Manzel). Foto: Drama Foto: Braun/drama-berlin.de
Nervenwrack. Blanche DuBois (Dagmar Manzel). Foto: DramaFoto: Braun/drama-berlin.de

Natürlich, Blanche DuBois, diese Frau weit über dem Rand des Nervenzusammenbruchs, ist die Hauptfigur in Tennessee Williams Selbstbetrugs-Klassiker „Endstation Sehnsucht“ aus dem schwülen New Orleans Ende der Vierziger. Sie stürmt eines Tages als kapriziöse Diva ins beengte Haus von Schwester Stella, um sich von ihrem strapaziösen Lehrerinnendasein zu erholen, und was stellt sich heraus? Die Dame ist gar keine Dame, sondern ein Wrack: mittellos, tief verzweifelt und auch noch ohne Arbeit. Das ist, logisch, ein Fest für jede Schauspielerin: Der große Auftritt! Die schillernde Fassade! Die bezirzenden Finten der Verleugnung („Ich will Magie, keinen Realismus“) – bevor es dann in gnadenlosen Spiralen in den Abgrund der Tatsachen geht.

Doch die eigentliche Herausforderung einer jeden Endstation-Inszenierung liegt in der Gestaltung von Blanches Gegenpart Stanley Kowalski, dem polnischstämmigen, proletarischen Ehemann von Schwester Stella. So verkünstelt Blanche, so direkt, einfach und grob Stanley Kowalski. Die beiden geraten sofort aneinander, denn die beiden sind natürlich sofort wahnsinnig voneinander angezogen. Stanley ist ein dampfender Stier, der trotz seiner Gewaltausbrüche auch ein Geheimnis hat: seine düstere erotische Ausstrahlung – die eben nicht nur mit der Virilität des Kraftmenschen, sondern auch etwas mit der untergründigen Verzweiflung des Einwanderers zu tun hat. Das ist schon viel schwieriger hinzubekommen als die immer dankbaren Mätzchen einer Mittelklasse-Hysterikerin. Natürlich, nicht jeder ist Marlon Brando (der Stanley in der legendären Elia-Kazan-Verfilmung), aber muss es wirklich gleich so grobschlächtig und plump prolomäßig zugehen, wie in den letzten drei Berliner Inszenierungen?

Vor ein paar Jahren riss sich am Renaissance-Theater Ben Becker als Zeichen seiner Sexyness vor allem sein T-Shirt vom Leib. Ein Jahr später riss sich Lars Eidinger an der Schaubühne sein T-Shirt vom Leib und zertrümmerte zusätzlich noch die Wohnungseinrichtung. Und jetzt reißt sich Robert Gallinowski am Berliner Ensemble das Hemdchen vom Leib und schmeißt zum Zeichen seiner Unbeherrschtheit Tische und Radios durch die Gegend.

Untergründig geht anders. Was vielleicht gar nicht so sehr an Robert Gallinowski liegt, sondern an dem hemdsärmeligen Ansatz von Regisseur Thomas Langhoff. Mit der Beherztheit eines Heimwerkers hat er nach dem Realismus-Tacker gegriffen und das Stück umstandslos auf die Eindeutigkeitsbretter genagelt. Sehnsucht? Abgründe? Papperlapapp! Hier gibt’s alles mit Schmackes. Und so darf im fünfziger-Jahre-Ambiente mit eingebauter Spiralwendeltreppe Robert Gallinowski den dicken Max geben. Und Dagmar Manzel zeigen, dass sie zwar keine Blanche im herkömmlichen, also zerbrechlichen Sinne, dafür eine respektable Komödiantin ist, die weiß, wie und wann man dem Pointen-Affen Zucker gibt. Virtuos stellt sie die Posen der überkandidelten Zicke aus, zieht hier eine mädchenhaft verführerische Schnute, macht dort patzig selbstironische Kommentare zu Alkoholkonsum und verwelkender Schönheit, pflegt ein ansehnlich zupfiges Verhältnis zu ihren oft wechselnden Kleidern oder stöckelt Richtung Bad, um ihre angespannten Nerven in der Wanne zu beruhigen.

Das ist unterhaltsam, so lange es um die Inszenierung einer behaupteten Kultiviertheit geht, tritt aber bald auf der Stelle. Denn sobald die Lügen zutage treten und es um den Schmerz des verpfuschten Lebens geht, zeigen Manzel und Langhoff nur das nächste, kokette Augenzwinkern. Also die grelle Clownerie einer Verzweiflungstheaterei. Andreas Schäfer

Wieder am 13.3., 17 Uhr u. 31.3., 20 Uhr

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