Kultur : Leichen und Wunder

Die Fiktion der Fiktion oder „Leben, um davon zu erzählen“: Heute erscheint der erste Band der Memoiren von Gabriel Garcia Márquez

Fritz Rudolf Fries

Auf diese Bekenntnisse haben wir gewartet. Wir, die wir zu den mehr als dreißig Millionen Lesern des Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“ aus dem Jahr 1965 gehören und die wir sofort neue Zahlenspiele anstellen, kaum dass wir die Autobiographie in Händen halten. Die spanische Originalausgabe, die im Oktober ausgeliefert wurde, erschien mit einer Million Exemplaren. Die kolumbianischen Leser konnten das Buch genau zwanzig Jahre nach der Verleihung des Nobelpreises an den Autor erwerben. Und dann macht auch noch Kolumbien, Geburtsland von Gabriel Garcia Márquez und Wiege der lateinamerikanischen Violencia, auf beinahe surreale Weise seinem Ruf alle Ehre und beweist, dass Gewalt und Literatur einander nicht ausschließen: Bewaffnete Leser überfielen einen Lastwagen, der die ersten Exemplare in die Buchhandlungen bringen sollte. So sicherten sie sich ihr Freiexemplar.

Episoden, wie wir sie vermutlich in einem der Folgebände dieser Suche nach der verlorenen Zeit finden werden. Vorerst hat sich Gabriel Garcia Márquez mit einem Band begnügt, der auf 600 Seiten die ersten Lebensjahrzehnte des verkrachten Studenten, passionierten Lesers, erfolgreichen Reporters, Drehbuchschreibers und schließlich renommierten Autors von Romanen und Kurzgeschichten beschreibt. Der am 6. März 1928 geborene Zauberer des zugleich Wirklichen und Wunderbaren verabschiedet sich 1957 aus Kolumbien. Eigentlich wollte er nur für die heimatliche Tageszeitung über eine Sitzung der Vereinten Nationen in Genf berichten. Aber dann verschlug es den Korrespondenten nach Paris. Für die Leser daheim ist er längst kein Unbekannter mehr. Bereits seine Artikelserie über die wunderbare Rettung eines Schiffbrüchigen vereinte, was später ein Merkmal seiner Prosa werden sollte: die Anteilnahme des Erzählers und die Unbestechlichkeit des Chronisten.

Erzählen gegen den Tod

Wie aber das eigene Bild im Spiegel betrachten? „Leben, um davon zu erzählen“ – die deutsche Übersetzung des spanischen Originaltitels „Vivir para contarla“ ist korrekt, kann aber die winzige Korrektur nicht nachvollziehen, die der Autor in letzter Minute verfügt hat, als er quasi die Tonart änderte und aus einem „contarlo“ – „um es zu erzählen“ ein „contarla“ machte: Das Leben – „la vida“ soll erzählt werden. Es ist ein Erzählen gegen den Tod, das der 75-Jährige unternimmt, seit er 1992 gegen die Dämonen einer Krebserkrankung in den Krieg zieht. Und er besiegt die Krankheit und den Tod wie jene Scheherazade aus der magischen Welt von tausendundeiner Nacht, die dank ihrer Fabulierkunst ihren schönen Kopf rettet.

Keine Frage, dass sich Garcia Márquez schon immer wie ein Zauberer vorkam, der die magischen Welten des Orients an die karibische Küste versetzt hat. Und so werden auf den ersten Seiten der Autobiographie so selbstverständlich wie augenzwinkernd jene Kieselsteine im Bach von Aratacata mit den prähistorischen Eiern verglichen, die wir aus „Hundert Jahre Einsamkeit“ kennen und die im Roman jenes metaphysische Omelett zu servieren erlauben, das der Leser in immer größerer Erwartung auf die Wunder des Fantastischen verschlingt.

„Nicht was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen“, heißt es mit den Worten des Autors im Vorspann des Buches. Und das Wunder gelingt. Es entsteht die Fiktion einer Fiktion, ein mit Farben, Gerüchen und Tönen präpariertes Erzählen, das dem Erzähler zuweilen selber unheimlich wird, will er diesmal doch lediglich der Chronist seines Lebens in dieser Zeit sein. Er versucht zu entkommen, indem er sich einem (fiktiven) Tagebuch annähert und mit einer zuweilen ermüdenden Detailtreue die verlorene Zeit zurückbannt in die Gegenwart des Lesers. Als Erzähler bleibt er der alte Verführer, der sein Handwerk als Zeitungsschreiber und Drehbuchautor gelernt hat. Trotz einiger veröffentlichter Erzählungen und eines Romans („Laubsturm“) wird er erst nach seinem 40. Lebensjahr von seinen Tantiemen als Schriftsteller leben können. Heute gilt er längst als der Autor mit dem weltweit höchsten Einkommen.

Er beginnt seine Lebenschronik mit der Rückkehr des Halbwüchsigen an der Seite seiner Mutter in die uns schon vertraute Wunderwelt karibischer Landschaft und skurriler Verwandtschaft, in die Welt des Großvaters, der ein Liberaler des letzten Grenzkrieges, des „Krieges der tausend Tage“ war und der einen Toten auf dem Gewissen hat, Opfer eines Zweikampfes aus verletzter Ehre. Im Dorf Aratacata, jenem Macondo des Romans, das die nordamerikanische Fruit Company gegründet und verlassen hat, ist jeder mit jedem verwandt. Mutter und Sohn suchen den Ort auf, um das alte Familienhaus zu verkaufen, jene Keimzelle aller Romane und Erzählungen des lesehungrigen Kindes, das lieber bei Faulkner in die Schule geht, als die Erwartungen seiner Eltern auf eine akademische Laufbahn zu erfüllen. Später wird er sich in Bogotá, der Stadt der Regenschirme und der Seminaristen, einem Studium unterwerfen, krank vor Sehnsucht nach den paradiesischen Gefilden der Karibik.

Das Haus war mehr als nur eine Familienherberge. Es glich einem Staat mit eigener Gesetzgebung, und die Uhren schlugen hier eine andere Stunde als die übrigen Uhren im Dorf. Zeit seines Lebens wird Garcia Márquez sich weigern, erwachsen zu werden. Als leidenschaftlicher Leser verliert er die Naivität nicht, welche die Fantasie erst in Gang setzt. Ebensowenig verliert er, was kaum zu glauben ist, seine Schüchternheit. Glaubwürdiger erscheint seine Angst vorm Fliegen: Da der junge Reporter über undurchsichtige Guerillakämpfe zu berichten hat, muss er abenteuerliche Flüge in die Wildnis unternehmen. Da fühlt er sich an der Seite seiner schreibenden, dichtenden, ruhmsüchtigen Kollegen doch wohler. Wie nebenbei entsteht auf diese Weise ein Kompendium der kolumbianischen Literatur, die in dem einen oder anderen ins Exil vertriebenen Dichter der spanischen Republik den ein oder anderen Mentor findet.

Gewalt ist der Orgelpunkt dieser Memoiren. Mit der Erinnerung an den 9. April 1948 wird das Bild einer in der Violencia sich auflösenden kolumbianischen Gesellschaft beschworen. Die Ermordung der Bananenarbeiter durch die Büttel der nordamerikanischen Fruit Company gehörte zum Urerlebnis des Kindes Gabo. Die kriminelle Energie der bunt gemischten Einwanderer und Desperados erscheint als ein besonderer Aspekt der karibischen Natur, die wie in einem biblischen Schöpfungsprozess noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist.

Abschied von Kolumbien

Von der Einsamkeit Lateinamerikas wird Jahrzehnte später, 1982, die Rede des Nobelpreisträgers in Stockholm handeln. Eine Einsamkeit, die die Folge der gewaltsamen Ausrottung der Bevölkerung seit Beginn jener durch Columbus ausgelösten verhängnisvollen Conquista ist. Wie politisch aber ist Gabriel Garcia Márquez, der Freund Fidel Castros und der Vertraute europäischer Politiker, im Vergleich zu den literarischen Mitstreitern seiner Generation? Der chilenische Schriftsteller Antonio Skarmeta bescheinigt seinem Kollegen genügend List, sich vor Verfolgung und dauerndem Exil zu schützen und so „die fesselnden mythischen Sphären seiner Geschichten nicht durch den unmittelbaren Druck der politischen Realität Lateinamerikas zu vergiften. Natürlich ist das politische Leben in seinem Werk in beträchtlichem Maß gegenwärtig, nur über den Mythos und die Metapher vermittelt und in einer unsynchronen Beziehung zu der Zeit, in der er gerade lebt“.

„Leben, um davon zu erzählen“ ist der Versuch, eine synchrone Beziehung zur Zeit herzustellen. Oft entsteht dabei eine Chronik bereits erzählter Ereignisse, die im Austausch von Namen und Zeiten ihren autobiographischen Hintergrrund verraten. Oasen in der Wüstenei der Fakten sind die Liebesgeschichten, die der junge Gabo mit Bravour besteht. Den Text dieser Memoiren belebt eine Art Mitteilungsbedürfnis, wie wir es aus dem mündlichen Erzählen kennen. So könnte, folgert Garcia Márquez, eine neue Gattung erfunden werden, „die der Literatur bereits zu fehlen scheint: die Fiktion der Fiktion“.

Der Abschied von Kolumbien, der Flug nach Genf und Paris: Das ist das letzte Kapitel des vorliegenden Bandes. Er fällt dem Reisenden um so schwerer, da er eine stille Liebe zurücklässt. Sie heißt Mercedes Barcha, eine Blume am Weg des Davoneilenden. Ein Jahr später wird sie seine Frau und die Mutter seiner beiden Söhne. Dies und mehr werden wir in Bälde erfahren, wenn der zweite und dritte Band der Autobiographie vorliegen werden. Wer die Geduld nicht aufbringt, auf die Fortsetzung zu warten, möge in den Werken des Magiers nachschlagen. Er hat das alles längst mitgeteilt.

Gabriel Garcia Márquez: Leben, um davon zu erzählen. Aus dem Spanischen von Dagmar Ploetz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, 740 S., 24,90 Euro.

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