Kultur : Leichte Muse

Zum Tod des DDR-Erfolgsautors Herbert Otto

Kerstin Decker

Das muss einer erstmal schaffen. Bücher schreiben, deren Titel fast jeder kennt, oder, sagen wir: kannte. „Zeit der Störche“, „Die Sache mit Maria“. Viele in der DDR sind mit seinen Büchern großgeworden. Und seine Wofür-und-Wozu?-Fragen hatten nie die Christa-Wolf-Schwere, eher etwas offenes, so wie das eigene Leben. Alles an diesen Büchern war leicht. Man konnte sich nie vorstellen, dass da einer saß und verzweifelt nach Worten suchte, um sie dann lange zu behauen. Nein, jedes Wort blieb dort stehen, wo es aufs Papier gefallen war. Jedenfalls lasen diese Romane sich so, man konnte fast den Pulsschlag seiner Figuren hören.

Herbert Otto schrieb kurze Sätze. Seine Psychologie war nichts Vergrübeltes, sie war etwas Beiläufiges. Und irgendwann schrieb Otto den vielleicht erotischsten Roman der DDR-Literatur: „Der Traum vom Elch“. Anna und Anette, längst geschieden, längst enttäuscht vom Prinzip Mann, gehen Männer pflücken, immer zu zweit, da wird der Spaß größer. Aber einen gibt es in Annas Leben, der kommt höchstens zweimal im Jahr und nie weiß sie wann, der kann sie mitten im Winter in einen kleinen Ort in Sachsen bestellen, und Anna fährt hin. Das ist der Mann mit dem Blick „wie finnische Gewässer im Spätsommer“. Gut, dass es in der DDR fast keine Feministinnen gab. Sie hätten den „Traum vom Elch“ gehasst.

Irgendwann las man ihn dann nicht mehr. Vielleicht war die lebensdurchpulste Leichtigkeit Ottos auch seine Grenze. Den Schwerblütigeren, den Wortgewichthebern, muss sie immer verdächtig gewesen sein, dabei war sie erstaunlich. 1925 in Breslau geboren und viel zu jung in den Krieg geschickt, geriet der Sohn einer Näherin in sowjetische Kriegsgefangenschaft und von dort aus auf die Antifa-Zentralschule in Moskau. Nicht unbedingt ein Ort für höhere Leichtigkeit, aber Otto muss sie damals schon gehabt haben. Sein Romandebüt „Die Lüge“ wurde ein Erfolg: die Erlebnisse des Alfred Haferkorn in einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager. Kann schon sein, dass Haferkorn und die anderen in diesem Buch lebendiger wurden, als sie damals in Wirklichkeit waren. So ließ der Roman ahnen, was nicht auszusprechen war, 1956 nicht. Am vergangenen Wochenende ist Herbert Otto im Alter von 68 Jahren in Ahrenshoop gestorben.

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