Kultur : Leiden in Leder

DOROTHEA HANTELMANN

Pünktlich zum Sommerloch hat das Künstlerhaus Bethanien drei Ausstellungen eröffnet: Die afro-amerikanische Künstlerin Carrie Mae Weems, 1953 geboren und in New York lebend, gastiert zur Zeit als Stipendiatin in Berlin.Ausgangspunkt ihrer begehbaren Rauminstallation ist die dokumentarische Fotografie.Die Fotos sind auf Musselin-Stoffbahnen gedruckt, die von der Decke herabhängend im Raum arrangiert sind.Sie zeigen historische Ruinenstätten, Orte des Sklavenhandels und der Niederschlagung Aufständischer - Bilder der Zerstörung und Gewalt, die an die Opfer der Geschichte denken lassen sollen.Zentrale Figur in dieser weihevollen Inszenierung ist ein Bild der Künstlerin als schwarze Athene, in hellenisierender Weise gekleidet, würdevoll wie eine Statue posierend.Zu den Bildern hat die Künstlerin Texte geschrieben, die sie den "Verlierern der Geschichte" widmet und mit sonorer Stimme vom Band rezitiert.

Carrie Mae Weems ist eine wunderbare Fotografin.Ihre klassischen Schwarz-Weiß-Fotos folgen den Spuren von Walker Evans und Roy DeCarava und dokumentieren Geschichte und Alltag der Schwarzen in Amerika.Die hier gezeigte Inszenierung hingegen grenzt in ihrem Pathos und der gleichzeitigen Didaktik an Kitsch."Geschichte wird berührbar" steht im Pressetext.Von wegen - hier wird Geschichte ästhetisiert und zum Mythos verklärt.

Szenenwechsel: Gleich nebenan ist die ebenfalls als Stipendiatin nach Berlin geladene Norwegerin Vibeke Tandberg zu sehen.Sie zeigt eine Serie großformatiger Fotocollagen auf denen sich die Künstlerin als Boxerin in Szene setzt.Spotlight-artig beleuchtet wirken die Bilder gestellt und artifiziell.Sie variieren die bisherige Arbeitsweise der Künstlerin mit inszenierten Fotos, auf denen sie sich selbst mit einem digital evozierten alter ego abbildet.In der Mitte des Raumes ist eine doppelseitige Filmprojektion mit zwei kämpfenden Boxern zu sehen.Auch hier handelt es sich wieder nur um die Künstlerin, die auf beide Seiten der durchscheinenden Leinwand projiziert wird.Die Interaktion hat also keine wirkliche Korrespondenz, der Kampf ist bloß virtuell, die Doppelgängerin nicht mehr als eine Projektion.

Ebenfalls aus Norwegen stammt der dritte Künstler, Jonas Ekeberg.Seine Arbeit "Subjective Football" ist die Videoaufnahme eines Fußballspiels aus der Perspektive des Balls, in dessen Inneren er eine Kamera und einen Sender installiert hat.Auf dem Video erkennt man so gut wie nichts, außer hier und da ein Stück Rasen oder Himmel, aber man ist voller Mitgefühl für die Leidensgeschichte des Leders und wird vielleicht noch angeregt zu einer Reflexion über Perspektiven des Blicks, Objektivität der Kamera und den Überblick im allgemeinen.Resümee: Sommerloch hin oder her, selten war die Kunst so uninspirierend.

Künstlerhaus Bethanien, Mariannenplatz 2, bis 23.August; Mittwoch bis Sonntag 14-19 Uhr

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