Kultur : Leidender Angestellter

WETTBEWERB „Caos calmo“ mit Nanni Moretti

Kerstin Decker

Dies ist ein Film der Themengruppe: Hinterbliebener Mann trauert um tote Frau. Bei Doris Dörrie war es auch schon ein Tod am Meer, nur dass dort die Ehefrau morgens tot im Bett lag, während sie in „Caos calmo“ die Treppe heruntergefallen ist. Zwei sehr unscharfe Todesfälle. Und wie der alte Bayer bei Dörrie könnte auch Pietro Paladini sagen: Hätte ich das gewusst, wäre ich netter zu ihr gewesen!

In einem Punkt aber unterscheiden sich beide Filme grundsätzlich: Die Trauer des alten Bayern ist unabweisbar und stark, während Pietro Paladini eher das undeutliche Gefühl hat, dass er jetzt trauern müsste. Und so beschließt der leitende Angestellte eines Medienunternehmens, einfach vor der Schule seiner Tochter sitzen zu bleiben. Er hat sie hingebracht, also wartet er, bis sie wieder herauskommt. Eine schöne Idee, eine typische Nanni-Moretti-Idee, denkt man. Moretti, dieser große lachende Melancholiker des italienischen Kinos. Wer ihn ansieht, weiß, dass er eher ein verhinderter Euphoriker ist, aber das Leben und das Kino wollten es anders. Nanni Moretti hat schon eine ganze Filmografie der Trauer aufzuweisen. Anfangs trauerte er um den Kommunismus („Wasserball und Kommunismus“), später, in seinem wohl schönsten Film „Liebes Tagebuch“, um die römischen Straßen seiner Kindheit unter besonderer Berücksichtigung Hans Magnus Enzensbergers, und in „Das Zimmer meines Sohnes“ war er auch schon ein Hinterbliebener.

Und wirklich, manchmal scheint es ein richtiger Nanni-Moretti-Film werden zu wollen, denn viele bezwingend skurrile Unterideen tragen die Hauptidee von „Caos calmo“: Nach und nach finden sich Kollegen und Angehörige an Paladinis Parkbank ein, am Ende sogar die Chefetage seines Unternehmens. Denn Männern auf Parkbänken kann man alles sagen, man kann sie zum Mitwisser jeder Not machen, sie gehören ja nicht mehr richtig dazu – zum Alltag, zum Leben.

Aber etwas ist anders. Das berückend Provisorische, die wunderbar moderierte Unvollkommenheit der Moretti-Filme fehlt. Diese Geschichte über die langsame Rückkehr eines Mannes ins Leben hätte solche Sprödigkeit gebraucht. So sieht „Caos calmo“ in der Regie von Antonello Grimaldi manchmal aus wie ein typisches Erzeugnis des Medienkonzerns, bei dem Paladini angestellt ist: eine Spur zu kalkuliert, zu glatt, zu konfektioniert. Kerstin Decker

Heute 18.30 Uhr und 23.30 Uhr (Berlinale-Palast), 17. 2., 18.30 Uhr (Urania)

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