Kultur : Leidenschaft und Liebestod

Musikfest: Haitink & Concertgebouworkest

Sybill Mahlke

Was für ein Auftakt! Das Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam setzt auf die Sprengwirkung, die das Tristan- Chroma, das harmonische Bild der „Tristan“-Partitur Wagners, als romantischen Ursprung der Moderne ausweist. Klangkultur, die dem Ausdruck des Unerhörten dient. Über 25 Jahre hat Bernard Haitink dieses Orchester als Chefdirigent geprägt, nun führt er es als Conductor Laureate zum „Musikfest Berlin 2007“ in die Philharmonie. Es ist die Eröffnung eines Spitzenorchestertreffens, das der Idee folgt, den Aufbruch der Musik ins 20. Jahrhundert mit den Meisterwerken seiner Wegbereiter zu konfrontieren.

Am Anfang steht Claude Debussy, dessen Erregung über Richard Wagner zu den spannendsten Kapiteln der Musikgeschichte gehört. Den „Parsifal“ bewundert der französische Großmeister als „geniale Widerlegung der Tetralogie“, die er als „Adressbuch der Götter“ denunziert. „Leidenschaftliche Pilgerfahrten“ nach Bayreuth hindern nicht, dass aus Liebe leidenschaftlicher Hass wird.

Debussy schmäht den Dichter des „Parsifal“: „Zum Donnerwetter! Wenn man Gralsritter und Königssohn ist, stößt man sich die Lanze in den Leib und trägt nicht drei Akte lang seine selbstverschuldete Wunde auf melancholischen Kantilenen spazieren.“ Aber er hört da Orchesterklänge, die „einmalig“ sind und von „erlesener Schönheit“. Haitinks Programm zeigt, wie die Naturbilder des „Karfreitagszaubers“ wesensverwandt in die „Nuages“ der „Nocturnes“ von Debussy gleiten, um sich im zweiten Satz rhythmisch zu emanzipieren. Bald nach dieser Komposition wird der Franzose mit Strawinsky vierhändig den „Sacre“ spielen.

Um so seltsamer und anrührender klingen seine späten „Six épigraphes antiques“, reine, ausgesparte Materialklänge als Abschied von der Welt. Die Amsterdamer Orchestersolisten spielen in der Fassung von Rudolf Escher die neue Einfachheit Debussys brillant und sehr klar. Dann kommt der unbeschreiblich schöne „Tristan“ – Vorspiel und „Liebestod“ – des erfahrenen Operndirigenten Haitink, der die Gefahr musikalischer Räusche zu genau kennt, um die Kontrolle aufzugeben. Dass Debussy die Musik als „atemloses Keuchen“ umschreibt, ist keine ganz abwegige Definition. Im Konzert fehlen indes die „tierisch-wilden Schreie einer Isolde“. Sybill Mahlke

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