Kultur : Leidenschaftlich kühl

Barenboim und die Staatskapelle spielen Bruckner

Matthias Nöther

Lange Jahre hat Daniel Barenboim mit der Staatskapelle Beethoven geprobt und immer von Neuem aufgeführt. Jetzt spielen sie Bruckner. Zum Pfingstkonzert in der Philharmonie klingt das wie eine Fortsetzung.

An Beethoven schätzt man wilde musikalische Gestalten. Auch Bruckners Klangpalast wird nun mit solchen gefüllt. Barenboim orientiert sich bei der Achten Symphonie nicht an den riesigen Eckpfeilern der symphonischen Form. Man labt sich keineswegs nur an jenen krachenden Reprisen, zu denen sich manch anderer Bruckner-Dirigent zielstrebig durchwühlt. Es sind eher die unscheinbaren lyrischen Streicherthemen im Schatten der großen Tuttiblöcke, die an diesem Abend Halt geben. Sie fordern die ganze Aufmerksamkeit, weil sie den Hörer in ihrer direkten Expressivität förmlich anspringen. Unzerstörbar schön klingt das nicht immer. Den Großsymphoniker ist die Staatskapelle noch nicht gewohnt, der Klang ist aufgerauht, gerade die Streicher begeben sich zugunsten der Expressivität aus ihrem klanglichen Fokus. Aber Barenboim will für seinen Bruckner auch keine Schönheitsformel wie einst Karajan. Kühl zeigt er, wie ein Klang funktioniert, sich aufbaut, um dann um so leidenschaftlicher ihm zu arbeiten. Es ist ein Abenteuer und eine große Interpretation.

Bei Mozarts letztem Klavierkonzert KV 595, das Barenboim im ersten Teil des Abends selbst spielt und dirigiert, verliert er sich am deckellosen, hart ansprechenden Klavier in einzelnen Phrasen. Die Kommentare des Orchesters darauf folgen keiner musikalischen Logik. Unklar bleibt, weshalb dieser Programmpunkt nötig war. Matthias Nöther

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