Kultur : Leidensweg ist Lebensweg

Max Weber in Nahsicht: Joachim Radkau beschreibt den Alltag des Begründers der Soziologie in nie gekannter Vollständigkeit

Bernhard Schulz

Es ist kaum zu glauben, dass 85 Jahre seit dem Tod Max Webers (1864–1920) vergehen mussten, ehe die erste diese Bezeichnung verdienende Biografie des Mitbegründers und Übervaters der Soziologie erscheint. Nach dem „Lebensbild“ von Webers Ehefrau Marianne (1926) ist das 1000-Seiten–Opus des Bielefelder Historikers Joachim Radkau, „Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens“, allein schon seines ungeheuren Materialreichtums wegen der bislang gewichtigste Meilenstein.

Natürlich erheischt jeder, der auch nur die Grunddaten des Lebenslaufes kennt, Auskunft über die rätselhafte Krankheit, die Weber zwischen 1899 und 1903 zu völliger Arbeitsunfähigkeit verdammte, bis hin zu dem von Marianne bitter beklagten „Stumpfen“ mit Wachskneten und Weinkrämpfen. Es ist nicht eben erhebend, was Radkau, der die umfangreichen Briefnachlässe der Familie auswerten konnte, zutage fördert. Was im Jargon der Zeit als Neurasthenie galt, erweist sich als schwere psychosexuelle Störung. Der in der Weber-Literatur gern überhöhte Konflikt mit dem Vater, der nach heftigem Streit unversöhnt starb, erweist sich als minder bedeutend. Tatsächlich war Max ein Muttersöhnchen – und fand zu seiner Ehefrau, der „Kameradin“, keinerlei erotisches Verhältnis. Er „konnte“ nicht, schlicht und ergreifend, und litt, wie der Biograf ein wenig zu voyeuristisch ausbreitet, unter jahrelangen, erfolglos bekämpften sexuellen Störungen. Erst spät fand er in den heftigen Affären mit der Kollegen-Ehefrau Else Jaffé und der jungen Pianistin Mina Tobler jene Erfüllung, die ihm in der Konvention seiner bürgerlichen Gelehrtenwelt versagt blieb. Zwar sind diese Begebenheiten bekannt. Aber nie zuvor wurden sie in ihrer Bedeutung so klar herausgearbeitet. Spannend ist der Zusammenhang zum spät formulierten Konzept des „Charisma“. Mit dem Vorurteil übrigens, dass Marianne prüde gewesen sei, räumt Radkau gleich mit auf.er die stets als Wissenschaftlerinunterschätzte Frauenrechtlerin überhaupt angemessen würdigt., wie allein schon aus Webers Zueignung der drei gerade noch zu Lebzeiten fertig gestellten Bände zur Religionsphilosophie ersichtlich ist.

Die über das Rätsel der Weberschen Krankheit hinaus viel bedeutendere Frage bleibt die nach dem Verhältnis von Leben und Werk. Sie ist – und bleibt – unendlich schwer zu beantworten. Auch Radkau hält sie sich eher auf Distanz und konzentriert sich in beeindruckender Detailkenntnis auf die zahllosen wissenschafts- und tagespolitischen Aktivitäten Webers, die seinen Ruhm zu Lebzeiten ebenso begründeten wie etwa das Hauptwerk der „Protestantischen Ethik“ von 1904.

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Dass Weber sein epochales Œuvre einem schwierigen Leben abgerungen hat, ist jedem klar, der sich je an den Denker gewagt hat – dass es sich aus dem Leiden nicht erklärt, indessen auch. Gewiss gibt es Korrespondenzen zwischen Biografie und Werk, denen Radkau beispielsweise an der Frage des religiösen Empfindens oder der Musikalität Webers nachspürt. Aber den Kern der Produktivität berührt das nicht, noch weniger den wissenschaftlichen Gehalt. Wie auch immer: Max Weber wird mit Radkaus Biografie des (auch) Menschlich-Allzumenschlichen nicht kleiner, sondern, als Überwinder irdischer Widrigkeiten, eher nur größer.

Joachim Radkau: Max Weber.

Die Leidenschaft des Denkens. Carl Hanser Verlag, München. 1008 Seiten, 45 €.

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