Kultur : Leidgenossen

Theateralptraumland Schweiz: Zürich kämpft für Marthaler

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Von Alfred Schlienger

Auch wenn er wahrlich nicht aus heiterem Himmel kam, er sitzt tief, der Hammerschlag der Marthaler-Entlassung. Doch so schnell, wie sich der Zürcher Verwaltungsrat dies wünscht, wird diese absurde Theaterkrise nicht ausgestanden sein. Bereits formiert sich eine starke Widerstandsbewegung, angeführt vom Publizisten und früheren Chefredaktor der „ZEIT“, Roger de Weck, und dem Schriftsteller Adolf Muschg, und verlangt die Rücknahme der Kündigung Marthalers. Heute ist in Zürich vor dem Rathaus eine Großdemonstration angekündigt.

Wie theaterverdrossen sind diese sturen Eidgenossen? Und: Ist der Putsch von Zürich der Auftakt zu einem allgemeinen Roll-Back gegen den noch jungen Schweizer Theaterfrühling? Man kann es ohne Übertreibung sagen: Noch nie war so viel Aufbruchsstimmung in der kleinen Alpenrepublik wie in den letzten vier Jahren. Seit dem Start von Stefan Bachmann in Basel (1998), Barbara Mundel in Luzern (1999) und Christoph Marthaler in Zürich (2000) darf von einem kleinen Schweizer Theaterwunder gesprochen werden. Auf so engem Raum wie sonst kaum irgendwo in der deutschsprachigen Theaterlandschaft hat sich ein Dreieck der Theater-Avantgarde gebildet, das fruchtbar mit- und gegeneinander wetteifert.

Einmal wurde das Theater Basel (1999), zweimal das Schauspielhaus Zürich (2001 und 2002) in der internationalen Kritikerumfrage zum „Theater des Jahres“ gekürt. Thematisch akzentuierte, sehr zeitgenössische Spielpläne und entschiedene ästhetische Regiehandschriften sorgten für Jubel bei der Kritik – und vertrieben grosse Teile des angestammten Publikums aus den Theatern. In Basel sackte die Auslastung der Sprechbühne auf desolate 38 Prozent ab, in Luzern auf 48 Prozent und in Zürich soll sie jetzt auch unter 50 Prozent gefallen sein. Die Triplizität der Fälle ist in der Tat verblüffend und wird noch dadurch unterstrichen, dass Bachmann und Marthaler Ende dieser Spielzeit und Barbara Mundel im Sommer 2004 ihre Direktionsposten verlassen (müssen). Gute Nacht, Schweiz! Überall der gleiche stupide Killer-Virus gegen große Kunst am Werk? Es lohnt sich ein zweiter Blick.

Bachmann verlässt Basel nach fünf Jahren allein und freiwillig, seine Crew bleibt mit dem exzellenten Ensemble der Stadt erhalten und sorgt unter der neuen Leitung von Chefdramaturg Lars-Ole Walburg für Kontinuität. Wichtiger aber: Der Basler Verwaltungsrat gewährte den Theaterleuten nach dem Tiefpunkt die nötige Zeit, Anpassungen vorzunehmen und neues Publikum hinzuzugewinnen. Und: Basel war auch vor Bachmann keineswegs theaterästhetisches Entwicklungsland.

An Luzern und Zürich hingegen waren vor Mundels und Marthalers Amtsantritt die theaterästhetischen Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte praktisch spurlos vorbeigegangen. Unter Mundel profilierte sich das Theater im katholisch-konservativen Luzern als das politischste der Schweiz und etablierte sich als Sprungbrett für junge Regietalente und Autoren. Nach einer schwierigen ersten Spielzeit, in der sie nur knapp der Hexenverbrennung entging, hat sich die Frau Intendantin zwar den nötigen Respekt verschafft und konnte den anfänglichen Publikumsverlust größtenteils kompensieren. Richtig warm geworden ist sie in der Innerschweiz aber nicht, und so wird sie nach fünf Jahren Ende der nächsten Spielzeit das Luzerner Theater verlassen, ein Jahr früher als ursprünglich geplant, aber keineswegs verbittert.

Am komplexesten ist die Situation in Zürich, und zwar nicht erst seit Marthalers Rausschmiss. Das Zürcher Theaterpublikum ist das konservativste der Schweiz. Jahrzehntelang behandelte die gut betuchte Klientel von der Zürcher Goldküste das Schauspielhaus quasi als ihren Privatbesitz. Der profilierte, gezielt neue Publikumsschichten anpeilende Auftritt der Marthaler-Crew wirkte wie ein Katalysator für einen längst notwendigen Nachholprozess. Schon die gepflegte Langeweile unter Marthaler-Vorgänger Gerd Leo Kuck war für etliche Stammbesucher eigentlich zu viel der Provokation, aber noch hielt man bildungsbürgerlich stand. Überlagert wird die Krise des Schauspielhauses durch Strukturprobleme, für die Marthaler nicht allein verantwortlich ist. Mit den Bühnen im Schiffbau hat sich die jeden Abend zu füllende Platzzahl verdoppelt. 30 Prozent seines Budgets muss das Schauspielhaus Kasse einspielen – doppelt so viel wie vergleichbare Theaterhäuser. Und die Schuldenlast des überteuerten Schiffbaus frisst durch Zinslasten Millionenlöcher ins Budget: Probleme, die auch mit einer neuen Intendanz nicht gelöst sind.

Dennoch: Es führt nichts daran vorbei, dass Marthaler die massiven Publikumsverluste wettmachen muss. Darin aber liegt das Perverse des Verwaltungsratsentscheides, dass Marthaler genau dies durch den voreiligen Rauswurf nicht mehr versuchen darf. Das nährt einen Verdacht: Hätte man Marthaler vernünftigerweise eine Frist gesetzt, damit er den Beweis antreten kann, dass die von der Direktion bereits eingeleiteten Maßnahmen greifen, hätte zumindest mit einem Teilerfolg gerechnet werden müssen ­ und dann wäre es ungleich schwieriger geworden, Marthaler so mir nichts dir nichts loszuwerden. Genau diese Chance wollte man dem erst vor zwei Jahren so triumphal heimgekehrten verlorenen Sohn nicht geben.

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