Kultur : Leier und Schwert

Thomas Senne

Eine makabre Begrüßung am Eingang: Auf den ersten Blick ähnelt das mehrere Meter hohe Holzgerüst eher einer modernen Skulptur als einer Hinrichtungsmaschine der Grande Nation. Doch war diese Guillotine tatsächlich bis 1813 beim französischen Justiztribunal von Dillenburg im Einsatz. Die Bedeutung der Französischen Revolution für die bürgerliche Kunst und Kultur des 19. Jahrhunderts symbolisiert dieses Exponat: Die Kehrseite der Medaille von "Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit".

Die neue Dauerpräsentation im Germanischen Nationalmuseum, eröffnet zum 150. Jubiläum des größten Museums deutscher Kunst und Kultur, stützt sich vor allem auf eigene Bestände. Die durch die Verlagerung der Gemäldesammlung Schäfer nach Schweinfurt entstandene Lücke konnte jetzt überzeugend geschlossen werden. Doch in Nürnberg ist keine neue Pinakothek, keine reine Kunstgalerie entstanden. Vielmehr stellt man Gemälde und Skulpturen, die den Löwenanteil der etwa 500 Schaustücke ausmachen, in ihren geschichtlichen Kontext: ein Stelldichein von Kunstwerken, Möbeln und Uniformen, ein Potpourri aus Mode, Medaillen, Musikinstrumenten, Büchern, Porzellan und Schmuck.

Die rund 550 Quadratmeter große Ausstellungshalle, die zuvor als Werkstatt genutzt wurde, gibt sich funktional: Sie ist mit einem grauen Kunstharzboden ausgestattet und wird von einem Wellblech-Tonnengewölbe überspannt. Die Wände sind in hellen Maisgelbtönen und Weiß gehalten. Links und rechts einer zentralen Achse, die den Blick auf die "Amazonenschlacht" lenkt - ein monumentales Historienspektakel, 1870 bis 1873 von Anselm Feuerbach gemalt -, befinden sich Kabinette. In diesen Kojen werden Themen erörtert wie "Demokratische Utopien" oder "Empfindsamkeit". Das Originalmanuskript des "Struwwelpeter" (1844) hat in dieser gelungenen Mixtur aus Geschichte, Kunst und Kultur ebenso seinen Platz wie eines der ältesten Fahrräder überhaupt, ein "Vélocipède" mit hölzernen Speichen von 1865, oder ein von Arnold Böcklin gemaltes Medusenhaupt.

Der Bogen spannt sich vom Vorabend der Französischen Revolution über den Idealismus bis hin zum Symbolismus und der Epoche der Weltausstellungen. Erstausgaben von Diderots "Enzyklopädie", Kants "Kritik der reinen Vernunft" oder Lessings "Nathan der Weise" belegen den Stellenwert der Aufklärung. Die Vernunft sollte die Gesellschaft in ein irdisches Paradies verwandeln.

Während Johann Gottfried Schadow 1803 eine zart modellierte Tonbüste der späteren Preußen-Königin Luise entwirft, steigt Theodor Körner posthum zum exemplarischen Dichter der Freiheitskriege gegen Napoleon auf. Die patriotische Versesammlung "Leyer und Schwerdt" des politischen Lyrikers liegt gleich neben einer martialischen Pickelhaube und Bärenfellmütze. Für das damals erst allmählich entstehende Bewusstsein, angesichts radikaler gesellschaftlicher Umwälzungen gefährdete Zeugnisse der Vergangenheit zu erhalten, stehen Märchenbücher und ein Schreibtisch der Gebrüder Grimm. Verherrlichen Romantiker wie Carus, Friedrich oder Dahl in ihren Werken Gefühl und Natur, zieht es andere Künstler wie den klassizistischen Bildhauer Thorvaldsen oder den Nazarener Overbeck nach Rom. Dort, in einer Art Künstlerrepublik, lassen sie sich vom "Land, wo die Zitronen blühen", inspirieren.

Die Schausammlung streift die Industrialisierung und Gründung des deutschen Nationalstaates sowie die gescheiterte deutsche Revolution von 1848. Der Rückzug ins Private, in den biedermeierlichen "Krähwinkel", ist die Folge dieses Scheiterns. Als realistischer Idylliker karikiert Carl Spitzweg skurrile Sonderlinge, zum Beispiel den "Armen Poeten" (1837). Statt revolutionärer Jakobinermütze trägt der eine Schlafmütze - als Sinnbild eines unmündigen Bürgers.

0 Kommentare

Neuester Kommentar