Leipziger Buchmesse : Registraturen des Geistes

Zettel-Träume: Eine Ausstellung im Deutschen Literaturarchiv in Marbach öffnet die Karteikästen von Dichtern und Denkern.

Bodo Mrozek
Der Zettelkasten des 1941 geborenen Romanciers Jochen Missfeldt
Der Zettelkasten des 1941 geborenen Romanciers Jochen MissfeldtFoto: DLA Marbach

Normalerweise lassen Schriftsteller sich nicht gerne in die Karten schauen. Ihre Texte geben sich größte Mühe, möglichst mühelos zu wirken. In der Werkstatt sieht es meist anders aus. Vor so mancher scheinbar lässig auf das Papier geworfenen Zeile steht der akribische, in manchen Fällen sogar obsessive Prozess der Materialsammlung. Deren eigentliches Werkzeug sind nicht Tinte und Tastatur, sondern Karte und Kasten. Nur selten erhält der Leser Einblick in die wohlgeordneten Zettelsammlungen, die das eigentliche Gerüst vieler großer Romane sind.
Steht man dann doch einmal, wie jetzt in einer Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs möglich, vor den geöffneten Schachteln, Stapeln und Ordnern, die das Rohmaterial von Romanen und Theorien den neugierigen Blicken preisgeben, so würde man sich auf den ersten Blick nicht in einer Werkstatt des Geistes wähnen. Doch was zuerst wie das spröde Mobiliar einer Verwaltungsstube wirkt, beinhaltet nichts weniger als die Registraturen des Denkens. Die auf der Marbacher Schillerhöhe ausgestellten Sammlungen stammen ausnahmslos aus den Vor- und Nachlässen von Dichtern und Denkern von Rang. Arno Schmid, Walter Kempowski, W.G. Sebald, Reinhart Koselleck, Tankred Dorst - sie alle waren leidenschaftliche, einige von ihnen sogar zwanghafte Sammler. Mit der Akribie von Buchhaltern haben sie Ordnungssysteme ersonnen und verzettelt, was immer ihnen bedeutsam vorkam: Definitionen, Zitate, Bilder, Sätze, Metaphern und einzelne Wörter.

Zettelmarbach
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12.03.2013 14:31Der Zettelkasten des 1941 geborenen Romanciers Jochen Missfeldt

Allein der Umfang ist beachtlich. Jean Paul, der den Begriff „Phantasiemaschine“ prägte und daher als poetischer Vater des Zettelkasten-Systems gilt, hat rund 12 000 Blätter hinterlassen. Noch fleißiger war der Philosoph Hans Blumenberg, der seine Lektüren akribisch exzerpiert und sodann auf nicht weniger als 30 000 Karteikarten in 16 Kästen geordnet hat. Die legendären Zettelkästen des Soziologen Niklas Luhmann füllen gar 90 000 Karteikarten im Format A6, von Hand beschrieben und mit dem Stempel durchnummeriert.
Gesammelt wird immer und überall. Der Schriftsteller Eckard Henscheid bedeckt, wo er geht und steht, Fahrscheine oder Bierdeckel mit Notizen, notfalls auch mal ein Blatt Toilettenpapier. Die Gedanken gehen „in die Hemdbrusttasche“, dann klebt er sie nach „Gutdünken, oft auch nach Glück und Zufall“ direkt auf die Manuskriptseiten. „Die Zettel-Klebetechnik“ nennt Henscheid sein Verfahren ganz unprätentiös.
Zwischen Trennblättern, Buchdeckeln, Etiketten und farbigen Markern wird das analoge Material sortiert, kartografiert und gespeichert. Die neue Ordnung macht es verfügbar und kann es im besten Fall sogar verändern. Als F.C. Delius 1972 für seine Satire „Unsere Siemens-Welt“ einen Vernetzungsplan anlegt, arrangiert er „hässliche, spröde, unbiegsame Wörte“" so lange in neuen Kombinationen neu, „bis einige Funken und etwas Witz schlagen“. Aus der Ablage wird Literatur.
Sammlungen sind meist Versuche der Weltordnung. Ihre Erfassungstechniken stehen bisweilen in krassem Gegensatz zum Gegenstand. Der Medientheoretiker Friedrich Kittler, der selbst eine Theorie der „Aufschreibsysteme“ formulierte, sammelte nebenbei „Mondfarben“: Zitate aus Versen von Chateaubriand, Musset, Gryphius oder Grillparzer. Die Gedichtzeilen tippte er mit der Schreibmaschine auf orangefarbene Normkarten – ein Verwaltungsakt, der angesichts der Zartheit des lyrischen Sujets fast wie eine Vergewaltigung wirkt.

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