Kultur : Leise Töne, volle Hütten

Bodo Mrozek findet Ruhe in Kreuzberg

Bodo Mrozek

Das Nachtleben ist vermutlich der einzige Sektor im vergleichsweise phlegmatischen Kulturbetrieb, der ständig im Umbruch ist. Kein Wunder, hier gibt es keine Subventionen, keine Ausschüsse und – möge es auf ewig so bleiben – keinen Clubsenator. Dennoch bestehen auch hier Institutionen, die gewissermaßen amtlich sind – wie man in Berlin gerne sagt – und trotzdem nicht gegen Umbrüche gefeit. Das Cibo Matto am Hackeschen Markt, einstmals erster Vorposten der Gentrifizierung des alten mittleren Berliner Ostens, weicht einem Wok-Imbiss. Die Kopier Bar, wenige hundert Meter davon entfernt, sucht seit Monaten auf Immobilienseiten im Internet einen neuen Pächter. Und der traditionsreiche Northern Soul Allnighter, der seit zwölf Jahren im Roten Salon gastierte, ist in die Dircksenstraße ins Bohannon umgezogen, das ein ambitioniertes Programm entwickelt und sich offensichtlich als Berliner Ausgabe des Mojo Club etablieren möchte.

Eine Institution ist zweifellos der Privat Club in Kreuzberg. Seit Jahren schon hält sich der Keller unter der Kreuzberger Markthalle (Pücklerstr. 34) mit einem stetigen Tanz- und Musikprogramm. Unter dem etwas übertriebenen Titel Little LoFi Pop Festival wollen sich am 25. November gleich mehrere Generationen der Indieszene versammeln. Selbst in einem jungen Genre wie dem Brit-Pop gibt es bereits die üblichen Spaltungen zwischen Alt und Jung, Fundamentalisten (legen Vinyl-Platten auf) und Realos (schleppen keine Plattenkoffer mehr, sondern stöpseln den Ipod in die Anlage). Das Whatever-DJ-Team vertritt den Nachwuchs während Mondo Fumartore den Veteranenstatus beansprucht. Dazu gibt es gleich zwei ambitionierte Bands: Ants, das Solo-Projekt von Hefner-Schlagzeuger Antony Harding, hat sich den leisen Tönen verschrieben. Der inzwischen in Schweden ansässige Trommler nähert sich auf seinen Alben (zuletzt: „Footprints Through The Snow“, Homesleep Records) zielstrebig den Liedermachern an. The Ian Fays ist der Name einer Frauenband aus Kalifornien, die ihre Gitarren lieber zart zupfen als hart anschlagen.

Bei allen Umbrüchen, vor denen ja auch das alte Kreuzberg nicht mehr geschützt ist, scheinen Brit-Pop und Gitarrenmusik derzeit der kleinste gemeinsame Nenner für volle Tanzflächen und ein junges Publikum zu sein: einfache Melodien und leise Töne für turbulente Zeiten.

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