Kultur : Leisetreter und Kopfballer

Steffen Richter

geht auf den Bolzplatz Das nennt man dumm gelaufen: Da schlägt die deutsche demokratische Fußball-Nationalmannschaft am 22. Juni 1974 die bundesdeutsche Auswahl mit 1:0. Es war ein historischer Augenblick, als Jürgen Sparwasser in der 78. Minute den Ball versenkte und den Klassenfeind wegputzte. Ein innerer Parteitag!

Selbst ohne das heutige EM-Debüt der Deutschen in Porto käme niemand fußballfrei durch die Woche. Denken Sie nicht mal dran! Es lauern ja auch noch ein paar Jubiläen: 30 Jahre Sparwasser-Tor, 50 Jahre „Wunder von Bern“. Der Lesebetrieb hat sich clever auf das Konkurrenzunternehmen EM eingestellt. Er bietet „embedded literature“, in Fußball verpackte Texte.

Dem legendären Sparwasser-Tor widmet sich ein sehr schönes Buch aus dem kleinen, aber feinen Kookbook-Verlag. Es heißt „Doppelpass“ und erzählt 22 Geschichten aus dem geteilten Fußballdeutschland. Elf westdeutsche und elf ostdeutsche. Zur Buchpremiere kommen Jan Böttcher und David Wagner (BRD) sowie Gernot Wolfram und Andreas Gläser (DDR) heute um 18 Uhr in die Literaturwerkstatt . Anschließend: Deutschland gegen die Niederlande.

Auch das LCB verschiebt heute aus gutem Grund seine üblichen Anstoßzeiten: Bereits um 19 Uhr werden Richard Millet („Die drei Schwestern Piale“, Fischer) und Andreas Meier („Klausen“, Suhrkamp) ihre Geschichten aus der französischen und deutschen Provinz lesen. Eine weitere hochkarätige LCB-Veranstaltung gibt es morgen in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz (In den Ministergärten 6). Christoph Hein stellt in der Reihe „Die Gegenwart der Vergangenheit“ den Lyriker Lutz Seiler vor (19 Uhr). Seiler aber schreibt nicht nur wunderbare Gedichte („pech & blende“, „vierzig kilometern acht“, Suhrkamp). Seine Kindheit, hat er bekannt, „bestand zu 90 Prozent aus Fußball“. Und als altem Dresden-Fan dürfte ihm auch der Aufstieg der Dynamos in die 2. Bundesliga viel Freude bereiten.

Schließlich wird am 19.6. an Bord der MS Belvedere , Anlegestelle „Stern und Kreis“ am Berliner Dom, über das „Wunder von Bern“ debattiert (ab 16 Uhr). Beim Kulturfestival „Ungarn an Bord“ treffen sich der 54er Torwart Gyula Grosics und der Mann mit der grauen Hose und dem gelben Trikot, Gábor Király. Sie treten gemeinsam mit Fußball-Autoren zu historischen und aktuellen Exegesen an. Anschießend: Lettland gegen Deutschland.

Nun das Worst-Case-Scenario dieses Sommers: Deutschland fliegt nach der Vorrunde und Jan Ullrich erreicht den ersten Berg der Tour de France mit einer Viertelstunde Rückstand. Dann bleibt wenigstens Zeit für ein anderes Jubiläum. Am 16. Juni nämlich jährt sich zum 100. Mal der Tag, an dem ein gewisser Leopold Bloom durch Dublin marschierte. James Joyce hat darüber bekanntlich einen dicken Roman geschrieben, den „Ulysses“. Und den wollten wir ja schon lange mal lesen.

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