Kultur : Leitkultur: Der Babycaust

Henryk M. Broder

Alle warten darauf, dass der Kampfbegriff "deutsche Leitkultur" mit Inhalt gefüllt wird. Ist es der Besuch beim Oktoberfest mit anschließendem Stop-over in der Ausnüchterungsstation? Die Teilnahme an der Berliner Love Parade mit Sex im Unterholz des Tiergartens? Oder eine Prise Koks am Rande eines Bundesligaspiels?

Egal, was Friedrich Merz, der selber gerne ins Ausland fährt, um fremde Kulturen zu erleben, sagen wollte, die nächste Frage muss sein, ob man die deutsche Leitkultur den Ausländern zumuten kann.

Zum Beispiel: Auf dem Augsburger Stadtmarkt steht eine Bank, und auf der Bank steht, mit vier Kreuzschrauben befestigt, eine Warnung: "Nur für Kunden des Stadtmarktes - Marktamt". Würde drauf stehen: Nur für Deutsche oder Nur für Arier, wäre das zwar nicht nett, aber logisch. Denn es kommen auch viele Ausländer auf den Markt, darunter nicht wenige türkische Moslems. "Nur für Kunden des Stadtmarktes" suggeriert dagegen, dass es Menschen geben muss, die von weither angereist kommen, nur um sich auf diese Bank zu setzen. Es soll schon Besucher aus Dachau, Göggingen und Ulm gegeben haben, die auf diese Weise die Augsburger Gastlichkeit missbraucht haben. Was natürlich nicht geht.

Gleich um die Ecke vom Stadtmarkt, in der Augsburger Fußgängerzone, findet man ein weiteres Beispiel für eine deutsche Leitkultur, die man Ausländern besser nicht antun sollte, vor allem, wenn sie aus Ländern mit einem intakten Schamgefühl kommen. Da protestieren ein paar Hysteriker gegen die gesetzliche Regelung der Abtreibung, und wie alle geilen Moralisten können sie gar nicht nahe genug an den Gegenstand ihrer Empörung ranrücken. Auf einem Plakat steht: "Ist Auschwitz vorbei?", gleich darunter wird die rhetorische Frage mit einem lustigen Wortspiel beantwortet: "damals: Holocaust - heute: Babycaust". Dazu gibt es einen visuellen Verstärker. Was auf den ersten Blick wie eine Portion "Ente kross mit Gemüse" aussieht, ist ein im Mutterleib massakrierter Fötus. - Deutsche Leitkultur?

Eine ziemliche Zumutung, wenn auch von anderer Art, ist die Werbung der Firma Görtz. Prominente ziehen sich bis auf das Fußwerk aus und bekennen: "Ich gebe alles! Außer meine Schuhe." Mit von der Partie ist auch die rheinische Stimmungskanone Dirk Bach, nach Hella von Sinnen und dem "halven Hahn" im Brauhaus Sion am Dom der dritte Grund, Köln weiträumig zu umfahren. Bach ist schon angezogen ein Härtetest, den nur wenige TV-Zuschauer schadlos bestehen. Nur mit Turnschuhen an den Füßen wird er zur Steigerung seiner selbst. Verkörpert er das, was Friedrich Merz mit "deutscher Leitkultur" gemeint hat?

Und noch ein schönes Beispiel, vom Frankfurter Flughafen. Da gibt es einen vollautomatischen Pendelzug, der alle zwei Minuten zwischen den Terminals hin- und herfährt. Man kann nicht viel falsch machen, steigt bei "A" ein und bei "F" aus, oder umgekehrt. Wenn da nicht ein Schild wäre: "Bei Nichtöffnung der automatischen Bahnsteigtüren handelt es sich um einen Inlandszug."

Wie bitte? Wenn sich die Türen nicht öffnen, fährt der Zug nach Preungesheim, und wenn sie sich doch öffnen, geht die Reise ins befreundete Ausland, nach Rheinland-Pfalz und Kurhessen?

Der Satz ist ein weiterer Beleg dafür, dass man nicht Ausländer, sondern Deutsche einem Sprachtest unterziehen sollte. In einem solchen Fall müssten sich einige nach einem sicheren Asyl umsehen, Franz Müntefering zum Beispiel, der seinen Beitrag zur "deutschen Leitkultur" mit der Erkenntnis leistet: "Die Politik hat es schwierig." Das stimmt. Nur Friedrich Merz hat es derzeit noch schwieriger.

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