Kultur : "Leitkultur": Leiten gilt nicht

Richard Herzinger

Die Hilflosigkeit, mit der die Christdemokraten die "Leitkultur" als eiserne Ration deutschen Wesens zu definieren versuchen, hat statt Empörung eigentlich unser Mitleid verdient. Nachdem sie sich jahrzehntelang selbstherrlich der Realität verweigert hat, kann die - unversehens unter den Druck der Wirtschaft geratene - CDU/CSU jetzt nicht mehr umhin, Einwanderung als unverzichtbare Voraussetzung für die Existenz moderner demokratischer Gesellschaften zu akzeptieren. Doch will und kann sie vor sich selbst und den Wählern, die sie so lange in ihrer Abwehrhaltung gegen das Fremde bestärkt hat, ihr ideologisches Waterloo nicht eingestehen. Deshalb jongliert sie zur Ablenkung mit Worthülsen, die suggerieren sollen, ihr verzweifeltes Rückzugsgefecht sei in Wahrheit eine kühne Offensive. Ihre Vordenker schwelgen jetzt in der Vorstellung, man könne sich die Einwanderer, die zum Wohle des deutschen Gemeinwesens dringend benötigt werden, nach dem eigenen provinziellen Ebenbild zurechtbasteln.

Zu diesem Zweck schlägt die CDU vor, permanent ansässige Ausländer zur Teilnahme an "Integrationskursen" zu verpflichten, in denen sie über die spezifisch deutsche Lesart der Werte des "christlichen Abendlandes" belehrt werden sollen. Diese altbackene Paukermentalität verkennt freilich, dass es zuallerst die deutsche Gesellschaft ist, die dazulernen und ihre Einstellung ändern muss, wenn sie in Zukunft für qualifizierte Einwanderung aus aller Welt attraktiv sein will.

Ein wichtiger Schritt in diese Richtung wäre die endgültige Verabschiedung einer Vorstellung von "Kultur", die Deutschland jahrhundertelang in Distanz zu den freiheitlichen Idealen der westlichen Aufklärung gebracht hat. Spätestens seit dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde Kultur in Deutschland als Gegenkraft zur westeuropäischen zivilisatorischen Moderne verstanden. Kultur bezeichnete dabei sittliche Tiefe und verinnerlichte Humanität, während die "Zivilisation" als bloß oberflächliches Regelwerk gesellschaftlichen Zusammenlebens betrachtet wurde, das keine substanzielle Bindungskraft für die nationale Gemeinschaft besitze. Kulturelle Authentizität wurde zunehmend mit dem Deutschsein in eins gesetzt, während die individualistische Zivilisation des Westens als Dekadenzerscheinung überlebter "alter Völker" hingestellt wurde.

Diese Vorstellung verfestigte sich in der Volkstumstheorie der deutschen Romantik zum ideologischen Programm, das der aufklärerischen Konzeption einer Vertragsgesellschaft autonomer Individuen entgegengehalten wurde. Das Individuum sei vor allem durch seine Abstammung geprägt, die aller gesellschaftlichen Entwicklung vorgängig und in ihrem Wesen nicht veränderbar sei. Die romantische Staatstheorie folgerte daraus, dass die staatliche Verfassung einer Nation "organisch" aus der Beschaffenheit ihrer kulturellen Eigenart emporwachsen müsse. Dabei reklamierte die politische Romantik für die Deutschen, sie seien die einzig authentischen Erben der ursprünglichen Werte des "christlichen Abendlandes".

Seit Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die Gegenüberstellung von "Kultur" und "Zivilisation" unter deutschen Denkern zur regelrechten Obsession. Die "Ideen von 1914", mit denen führende deutsche Intellektuelle, darunter Max Scheler und Thomas Mann, für den Ersten Weltkrieg mobil machten, sahen in Deutschland den berufenen Befreier von der Geißel der französischen und englischen "Zivilisation", die die Völker von ihren kulturellen Wurzeln abgeschnitten habe. Nicht erst durch seine verbrecherische Perversion im Nationalsozialismus wurde das Ideologem von der "deutschen Kultur" somit problematisch. Der Zusammenbruch der NS-Herrschaft bedeutete jedoch auch das Ende der expansiven deutschen Kulturidee. Gleichwohl wirkte die Idee von der Kultur als homogenisierende Kraft der nationalen Gemeinschaft im demokratischen Nachkriegsdeutschland untergründig fort. Anders als den großen Demokratien des Westens blieb Deutschland der Schock des "Rückstoßes" der Entkolonisierung erspart, in deren Folge sich Länder wie England und Frankreich in multiethnische Gesellschaften verwandelten. Erst heute beginnt sich die deutsche Gesellschaft der Einsicht zu stellen, dass moderne Demokratien ohne einen ethnischen, religiösen oder kulturgeschichtlichen Identitätskern auskommen müssen.

Neben dem aggressiv antiliberalen Verständnis von "deutscher Kultur" gab es in Deutschland freilich auch einen universalistisch-kosmopolitischen Kulturbegriff, der aus dem Idealismus Goethes und Schillers abgeleitet wurde und zum weltanschaulichen Kern des liberalen Bildungsbürgertums avancierte. Erst die Aneignung eines bestimmten Bildungskanons, so lautete sein Credo, führe den Menschen zu jener sittlichen Reife, die ihn zum verantwortlichen Staatsbürger qualifiziere. Diese Vorstellung geistert auch heute noch durch manche Verlautbarung von besorgten Hütern der "Konsensgesellschaft", die im kakophonischen Stimmengewirr der egalitären Massen- und Mediendemokratie den Bestand ewiger Kulturwerte gefährdet sehen. Doch wenn das Wissen um ideelle und historische Traditionen auch niemals schaden kann, so ist die "Bildung" gleichzeitig doch hoffnungslos überfordert, wenn sie als Stifterin eines verbindlichen Wertekonsenses in der pluralistischen Massengesellschaft dienen soll.

Das freie Spiel der Identitäten

Es ist daher Unsinn, wenn christdemokratische Politiker in ihrer Erklärungsnot die freiheitlichen Grundwerte der demokratischen Verfassung mit den Werten der "deutschen Kultur" und des mit ihr identischen "christlichen Abendlandes" gleichsetzen. Das Primat der universellen Menschen- und Bürgerrechte vor den Ansprüchen einer identitätsstiftenden "kulturellen Identität" musste in Deutschland erst gegen ein ins Quasi-Religiöse überhöhtes Kulturideal durchgesetzt werden. Und wenn sich ethnische oder religiöse Gruppen heute unter Berufung auf die Eigenheit ihrer Kultur von der offenen Gesellschaft abschotten, so folgen sie darin gerade jenem "deutschen" Kulturverständnis, das zuerst von der politischen Romantik als Widerspruch gegen die vermeintlich "auflösenden" Kräften des westlich-liberalen Verfassungsverständnisses formuliert worden ist.

Der Gefahr eines Zerfalls in Separatgesellschaften kann man daher nicht mit der Orientierung "fremder Kulturen" auf eine vermeintlich intakte, hervorgehobene "Leitkultur" begegnen, sondern nur durch die Verpflichtung aller Staatsbürger auf die universalen Werte und vor allem auf die Geltungskraft der Gesetze einer säkularisierten demokratischen Gesellschaft. Kultur ist mehr denn je eine variable, ständiger Veränderung unterworfene Größe, deren Selbstverständnis divergierenden subjektiven Wahrnehmungen unterworfen ist und sich nicht in verbindliche Definitionen zwingen lässt. Mit etwas so Diffusem wie der Kultur kann man keinen Staat machen.

Im Gegenteil: Die ethnischen Kriege auf dem Balkan haben gezeigt, welche verheerende Wirkung von der Rückbesinnung auf angeblich angestammte "kulturelle Identitäten" ausgehen kann. Die Integrationsanstrengung liberaler Gesellschaften zielt dagegen darauf, verhärtete kulturelle Kollektive in selbstständige Individuen aufzulösen und diese zu gleichberechtigten Teilnehmern am freien Markt der Möglichkeiten zu machen. Staatsbürgerliche Integration bewirkt der Liberalismus also paradoxerweise durch kulturelle Desintegration.

Doch der Abschied von der idealisierten Vorstellung von Kultur als dem Garanten gesellschaftlicher Homogenität fällt nicht nur der konservativen Rechten schwer. Im Windschatten der Debatten über die "deutsche Leitkultur" gerät auch das Ideal einer "multikulturellen Gesellschaft" in Zweifel. Einigen führenden Köpfen der Grünen dämmert es jetzt immerhin, dass der "Multikulturalismus" seinerseits auf der Idee von Kultur als einer identitätsstiftenden Einheit beruht. Nur dass sich die linken Idealisten das Verhältnis zwischen verschiedenen, in sich selbst ruhenden "Kulturen" nicht hierarchisch, sondern als ein harmonisches Nebeneinander vorstellen. Angesichts des Kulturkampfes, der etwa in islamischen Gemeinden zwischen laizistischen und religiös-dogmatischen Kräften tobt, ist dieses Idyllebild jedoch nicht mehr aufrechtzuerhalten. Den "fremden Kulturen" muss die gleiche Möglichkeit und Fähigkeit zur Ausdifferenzierung zugestanden werden wie den "einheimischen" europäischen Gesellschaften.

Die Konstellationen, die sich aus dem modernen Gewirr supranationaler und suprakultureller Einflüsse ergeben, lassen sich nicht mehr in vorgefertigte "Integrationskonzepte" zwängen. Darüber, wie viel Konflikt und wie viel Übereinstimmung in einer Gesellschaft herrscht, kann es in einer freiheitlichen Verfassungsdemokratie keine Verordnung geben. Gerade das Zutrauen, dass sich das Verhältnis unter Menschen unterschiedlicher Herkunft und Erfahrungen am besten im freien Spiel der Kräfte regelt, ist es jedoch, was liberale Gesellschaften so anziehend macht.

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