LEKTIONEN IN HOLLYWOOD : Praktikum in der Traumfabrik

Die Berliner Regisseurin Claudia Lehmann wandelte für mehrere Monate auf den Spuren des Oscars. Auf dem Programm standen auch Treffen mit Filmbossen.

Thilo Komma-Pöllath
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Regisseurin Lehmann gewann in Hollywood neue Einblicke ins Filmgeschäft. -Foto: promo

Womöglich werden demnächst noch viel mehr Menschen Physik studieren, wenn sie nach Hollywood wollen. Denn die promovierte Physikerin Claudia Lehmann durfte das machen, wovon Filmemacher aus aller Welt nur träumen können: ein Praktikum in Hollywood. Allerdings wurde die 32-jährige Berlinerin nicht wegen ihrer physikalischen Kenntnisse von Universal Pictures nach Los Angeles eingeladen, sondern weil sie eines der großen Regietalente des deutschen Films ist.

Im vorigen Jahr hatte sie mit „Memoryeffekt“ den Kurzfilmpreis des Pay- TV-Senders „13th Street“ erhalten. Verbunden mit dem Sieg war die Teilnahme am exklusiven Filmmasters-Programm, einer Art Auswahlverfahren für junge Filmemacher. Drei Wochen lang durfte Claudia Lehmann jetzt hinter die Kulissen von Universal schauen. Sie nahm an Marketing-Sitzungen teil, sprach mit Produzenten und Drehbuchautoren und besuchte alle wichtigen Abteilungen. Sie war dabei, als ein Hurrikan die Wisteria Lane in der Serie „Desperate Housewives“ „verwüstete“. Und sie besuchte die Dreharbeiten zu „State of Play“, dem neuen Film von Russell Crowe. Während der Oscar-Preisträger in den Drehpausen in seinem Wohnwagen verschwand, verstand sich die Jungregisseurin mit Regisseur Kevin MacDonald („Last King of Scotland“) prächtig. „Er war total nett und hat mir viele Kniffe gezeigt, worauf es bei einem großen Film ankommt.“

Für die Berlinerin war der Aufenthalt in Los Angeles eine wichtige Etappe auf ihrem Karriereweg. „Für mich war das immer klar, dass ich nicht ewig Physik mache, dafür war mir die ständige Forschungsarbeit zu einsam. Ich wollte was mit Menschen machen“, sagt sie. Noch während des Studiums hospitierte sie als Lichtassistentin am Theater, nach der Doktorarbeit begann sie 2004 ihr Filmstudium an der Hamburg Media School, bis heute arbeitet sie als Freie Videokünstlerin für deutschsprachige Bühnen, am Deutschen Theater in Berlin genauso wie am Burgtheater in Wien. Im vorigen Jahr tourte sie mit einer „Werther“-Inszenierung durch Europa, Südamerika und Asien. Und gerade arbeitet sie an einem neuen Projekt: „Playground Berlin“, eine 60-minütige Dokumentation über den Musiker Hans Narva („Wir leben in der Bakschisch-Republik“) und die Berliner Musikszene vor dem Hintergrund der Wiedervereinigung.

Von so viel Tatendrang zeigten sich die amerikanischen Film-Manager von Universal beeindruckt. Mutig diskutierte Claudia mit ihnen über ihren Film „Memoryeffekt", ein 23 Minuten-Thriller. Russel Kelban, Vize-Präsident im Marketing, fühlte sich an Hitchcock erinnert, Vertriebs-Chef Jason Reznik dachte an „Mainstream im allerbesten Sinne“. Nur mit ihrem Filmplakat konnten die amerikanischen Filmexperten wenig anfangen. „Was ist das denn?“, polterte Marketing-Boss Adam Fogelson und versprach sofortige Hilfe. Ein neuer Trailer und drei neue Ideen für ein neues Plakat mussten her, die er postwendend in seiner Abteilung in Auftrag gab. „Die Leute hier sind nicht so unverbindlich, wie man Amerikanern gerne nachsagt“, sagt Claudia Lehmann. „Sie zeigten sich sehr aufgeschlossen, was meine Arbeit angeht, haben sich meinen Film bewusst angeschaut, Fragen gestellt, Kritik geübt.“

Was aus dem Hollywood-Praktikum werden kann, zeigt die Karriere von Florian Henckel von Donnersmarck. Im Jahr 2000 gewann er die erste Ausgabe des „Shocking Shorts Award“, sieben Jahre später hielt er mit seinem ersten Spielfilm „Das Leben der Anderen“ den Oscar in Händen. Seitdem lebt und arbeitet von Donnersmarck in Los Angeles und bastelt an seinem nächsten Film.

Ist das auch für Claudia Lehmann denkbar? Lehmann: „Film ist ein großes Geschäft. Aber am Ende musst du dir immer auch selbst treu bleiben, sonst wird das nichts. Wenn man den Kontakt zu den Leuten hält, glaube ich schon, dass hier was entstehen kann.“ Der letzte Physiker, der in Hollywood Erfolg hatte, war James Cameron. Sein „Titanic“-Film gilt heute als erfolgreichster Film aller Zeiten (elf Oscars, zwei Milliarden Dollar Einspielergebnis). Bei dem Vergleich muss die Berliner Filmemacherin lauthals lachen. Dabei erinnert sie sich an ihren letzten Trip in die Sonne Kaliforniens vor vier Jahren. Damals hielt sie an der Universität in San Diego noch einen Vortrag über die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit (über die „massenhafte Verteilung der Elementarteilchen“). Lehmann schmunzelt: „Ist schon lustig. Wenn du Physik studierst, reden alle vom Nobelpreis, wenn du Filme machst, vom Oscar.“

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