Lemi Ponifasio : Sturm aus dem Paradies

Der Engel des Fortschritts und das Inferno der Natur: Lemi Ponifasio, Choreograf und Häuptling aus Samoa, gastiert zum ersten Mal in Berlin

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Raum ist mehr als Zeit. Lemi Ponifasio. Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Raum ist mehr als Zeit. Lemi Ponifasio. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Eine Begegnung mit Lemi Ponifasio überwältigt auf zweifache Art und Weise. Der Mann hat ein gewinnendes, wenn nicht auratisches Wesen, er lacht viel, er vermittelt eine große Freude am Leben und am Theater, worin für ihn kein Widerspruch liegt, er formuliert leicht und präzis und weicht elegant aus, wenn er sich im Gespräch festgelegt fühlt. Seine Kunst aber ist von dunkler Härte und strenger Form.

Es geschieht nicht häufig, dass einem im Theater, im Kunstbetrieb etwas Fremdes begegnet. Man hat doch schon alles einmal irgendwie gesehen, jedenfalls drängt sich im internationalen Festivalbetrieb mit seinen gewaltigen Zentrifugalkräften der Eindruck des Flüchtig-Bekannten überall auf. Und da kommt Lemi Ponifasio mit einem anderen Rhythmus, der nicht einfach nur langsamer ist, mit einer anderen Vorstellung von Zeit und Raum, und diese Fremdheit wirkt irritierend, befreiend.

Ponifasio stammt aus der Südsee, von der Insel Samoa, dort nennt man ihn einen Stammeshäuptling. Er studierte Philosophie und Politikwissenschaften und gründete 1995 in Auckland „Mau“. So heißt seine Kompanie und die Gemeinschaft, in der sie leben und ihre Stücke entwickeln. Zu Hause in Neuseeland hat die Truppe kaum Auftrittsmöglichkeiten, das erzählt er mit einem Lächeln. In Europa ziehen Ponifasio und seine Performer (Tänzer oder Schauspieler wäre nicht die richtige Bezeichnung) von Festival zu Festival. Er verkörpert das Neue, das Fremde eben, nach dem man sich so sehnt. Ihm selbst ist diese Erwartungshaltung eher unheimlich, doch er weiß sie auch zu bedienen.

Mit Ponifasio schließt sich der Kreis der Moderne, die mit der Entdeckung der sogenannten Kunst der Primitiven begann – als vor über hundert Jahren Künstler wie Paul Gauguin in die Südsee zogen, angewidert von der Borniertheit Europas. Ob später Antonin Artaud das balinesische Theater als Erlösung feierte oder der japanische Butoh-Tanz den Körper neu definierte: Südostasien und der Pazifik verhießen terra incognita. Erleuchtung.

Aber das ist nur die andere Seite der Kolonialgeschichte. Auf Samoa machte sich das Deutsche Reich breit, vorher waren schon katholische Missionare da. Ihnen verdankt Lemi Ponifasio seinen italienischen Namen, und er hat einen deutschen Großvater. Ponifasio ist ein Weltbürger, aus einer Gegend, die aus westlicher Zentralperspektive zum Rand gerechnet und als Paradies erträumt wird.

Geschichte, Emotion, Geografie, all das manifestiert sich in dem choreografischen Theater „Tempest: Without a Body“, das Ponifasio beim „Tanz im August“ in der Volksbühne zeigt. Es ist sein erstes Gastspiel in Berlin. Es hebt an wie ein Weltuntergang. Infernalischer Donner lässt den Zuschauerraum vibrieren. Vogelwesen treten aus der Dunkelheit hervor. Ein nackter Mann wird aus dem Inferno geboren – und stirbt. Eine wunderschöne Frau singt eine geheimnisvolle, klagende Melodie. Allgegenwärtig ist ein Engel, der zwischen Gut und Böse schwebt. Ponifasio erinnert an Paul Klee und Walter Benjamin, an den „Engel des Fortschritts“, aber hier geht die Existenz im Krebsgang, von der Auslöschung zurück zu den Ursprüngen. Ein alter Maori übernimmt plötzlich die Bühne, schreit (man ist da auf die englische Übersetzung angewiesen) eine lange Rede heraus von Wäldern und Sternen, vom christlichen Gott, der auf die Inseln gebracht wurde, um über die Menschen zu urteilen, von Vergewaltigung und Mord.

Wenn Ethnologen nicht verstehen, was sie sehen, sprechen sie von „Ritual“ oder „Zeremonie“. Man könnte „Tempest: Without a Body“ auch als Hypnose bezeichnen, als eine hybride Vorstellung, in der sich die Konzentration eines Robert Wilson mit der Urgewalt einer Flutwelle und der intellektuellen Stringenz eines Peter Sellars verbindet. Der amerikanische Regisseur Sellars ist der größte Fan und Förderer von Ponifasio, der die westlichen Einflüsse auch gar nicht leugnet.

Er sagt aber auch: „Kultur ist ein viel zu enger Begriff. Man muss da heraus. Deswegen schaue ich mir so gern Filme mit Gefängnisausbrüchen an“. Für diese Vorliebe gibt es noch einen anderen Grund. Ponifasios Leute stammen, wie er sagt, aus schwierigen Verhältnissen. Sie wissen, wie eine Polizeistation, ein Gefängnis von innen aussieht. Ponifasio hilft ihnen. Er betreut sie, hat sie aus dem Schlamassel herausgeholt. Sie exerzieren bei ihren Auftritten eine ungeheure Disziplin. Deshalb kann Ponifasio sagen: „Kunst ist eine neue Chance“.

Das europäische Theater, das ihm nicht fremd ist, hat in seinen Augen einen entscheidenden Mangel: Man ist da immerzu mit sich selbst beschäftigt. Ponifasio hält es nicht für eine natürliche Sache, dass der Mensch sich in den Mittelpunkt stellt. Seine Leute sollen also nicht lernen, sich auf der Bühne zu bewegen und etwas oder jemanden darzustellen. Sie sollen authentisch sein.

„Die Polynesier schätzen den Raum höher als die Zeit. Raum, das bedeutet Beziehung zur Natur und zu den Vorfahren.“ In diesem Raum könne ein Erlebnis von Gemeinschaft entstehen. Das Leben im 21. Jahrhundert sei bestimmt von Ablenkung und Zerstreuung. Damit will Lemi Ponifasio nichts zu tun haben. Er sagt: „Was auf der Bühne geschieht, ist keine Folklore. Das sind wir, so sind wir. Die Folklorisierung der Kultur führt dazu, dass du nicht mich siehst, sondern nur deine eigene egoistische Fantasie.“

Ein so schmaler Grat. „Tempest: Without a Body“ reißt den Zuschauer in einen Strudel schwarzer Bilder, in ein visuelles Gewitter unerklärbarer Mächte. Es ist ein Ausdruck erschütternder Ohnmacht und nicht ohne berechnete Wirkung. Der alte Mann, der in dem sonst wortlosen Stück zur Waffe der Rede greift, heißt Tame Iti, ein Aktivist der Maori-Unabhängigkeitsbewegung. Er steckt in einem Businessanzug, er ist grell geschminkt, in seinen Augen brennt ein heißes Feuer. Shakespeares Prospero und Caliban, in einer Person. Er begrüßt uns, er verwünscht uns. Er klagt an, und er kann nicht ohne ästhetische Empfindung betrachtet werden.

Das muss man aushalten. Den Sturm, der von der Bühne kommt und uns im Nacken trifft, von hinten wegbläst.

Volksbühne, 28. und 29. August.

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