Kultur : Lena und Marlene

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Christina Tilmann sucht nach der historischen Wahrheit im Spielfilm

Als Joseph Vilsmaier Marlene Dietrich vor einigen Jahren eine Liebschaft mit einem deutschen Wehrmachtsoffizier andichtete, war der Aufschrei groß. Marlene, die Widerständige, die jedes Rückkehrangebot der Nationalsozialisten von sich gewiesen hatte, die als USTruppenbetreuerin gegen ihr Heimatland zu Felde gezogen war und dafür nach dem Krieg als Vaterlandsverräterin beschimpft und bespuckt wurde: Sollte sie einer süßlichen Romanze zuliebe ein Stelldichein zwischen den Fronten gesucht und den Geliebten vor den Alliierten versteckt haben? Mehr als alles andere hat man dem Film „Marlene“ diese Geschichtsklitterung an einer von Deutschlands wenigen Heldinnen nicht verziehen. Er ist im Kino und nach einer Fernsehausstrahlung denn auch schnell in der Versenkung verschwunden.

Nun kommt Margarethe von Trottas „Rosenstraße“ in die Kinos, und die Geschichte wiederholt sich. In einer Szene wagt sich die inzwischen an der Rettung ihres inhaftierten Mannes verzweifelnde Lena Fischer (gespielt von Katja Riemann) in die Höhle des Löwen. Auf einer Party der höheren SS-Chargen nähert sie sich Joseph Goebbels (Martin Wuttke), versucht, durch ihre Schönheit und ihren Mut, den gegenüber weiblichen Reizen stets aufgeschlossenen Propagandaminister zum Eingreifen zu bewegen. Der Versuch misslingt: Eine resignierte Lena Fischer, die sich nach der Begegnung ihres Abendkleids und ihrer geborgten Juwelen entledigt, lässt keinen Zweifel daran.

Die Szene ist erfunden. Es hat niemals eine Begegnung zwischen Goebbels und Lena Fischer gegeben. Es hat überhaupt keine Lena Fischer gegeben. Und doch ist der Vorwurf der Geschichtsklitterung wieder aufgetaucht. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismus-Studien in Berlin, hat in der „Süddeutschen Zeitung“ die Goebbels-Szene so interpretiert, als sei dadurch – und durch die Hingabe Lena Fischers an Goebbels – die Freilassung der Männer erkauft worden. Mehr als die Verwendung von Klischees wie blonden Deutschen, brüllenden Nazis, schönen Jüdinnen und heldenhaften Wehrmachts-Soldaten wirft Benz dem Film diese Szene vor: Sie mache ihn zur Klamotte, die „den Widerstand der Frauen in der Rosenstraße verhöhnt und entwertet“.

Margarethe von Trotta hat von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass sie einen Spielfilm, keinen Dokumentarfilm plane: „Meine Rosenstraße versucht keine Rekonstruktion der Wirklichkeit wie in einem Dokumentarspiel. Ein Filmregisseur muss im Gegensatz zum Historiker eine historische Begebenheit wie die der Rosenstraße als Fiktion erzählen.“ Die Situation in der Rosenstraße sei authentisch, die Figuren jedoch fiktiv. Hier liegt der Unterschied zwischen Marlene und Lena: Die eine lebte – und wird verklittert. Die andere ist erfunden – und könnte so gelebt haben.

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