Kultur : Lenin lässt grüßen

Oliver Heilwagen

Der russische Architekturkonzeptualist Alexander Brodskij ist ein Totengräber der Gegenwartskultur. Die Formensprache seines monumentalen Werks im Glaspavillon der Galerie Aedes East erschließt sich sofort. Brodskij hat ein Mausoleum gebaut, das fast den gesamten Raum einnimmt. Den Kernbau ohne Dach, wie die Cella eines antiken Tempels angelegt, hat der Baumeister aus Dutzenden tiefer Schubkästen von "Ikea" zusammengesetzt. Sie sind aus durchsichtigem Acrylglas und enthalten Hunderte von Grabbeigaben. Der Innenraum bietet genug Platz für einen Katafalk, den Besucher umrunden können. Auf ihm ist eine lebensgroße Mumie aufgebahrt, die Brodskij aus ungebranntem Ton formte.

So einfach das Arrangement, so vielschichtig sind die Assoziationen. Brodskij modelliere "Erinnerungen an die Zukunft", bescheinigt ihm der russische Kritiker Jewgenij Asse. Tatsächlich errichtet der "Papierarchitekt", dessen Entwürfe in der Stagnationsphase vor der Perestroika keine Chance auf Realisierung hatten, vorwiegend utopische Denkmäler und museale Ensembles. In einem stillgelegten U-Bahnhof in New York ließ er 1996 einen Geisterzug aus Drahtkäfigen halten, in der maßgebenden Moskauer Galerie Gelman überflutete er im Jahr 2000 das tönerne Architekturmodell einer Idealstadt mit Rohöl. Doch im Unterschied zum SozArt-Konzeptualisten Ilya Kabakov, der seine Rauminstallationen mit real existierenden Sowjet-Devotionalien füllte, benutzt Brodskij vorwiegend selbstgefertigte Alltagsdinge aus Ton. Sein rissiger Lieblingswerkstoff verleiht ihnen die Patina paläontologischer Ausgrabungen.

Als Memento, dass "die fortschreitende Zeit alle Dinge in der Welt versteinert", deutet Auftraggeber Sergeij Tchoban die neue Installation. Tchoban, Architekt und Partner im benachbarten Büro "nps", hat 2001 den Pavillon auf eigene Kosten aufstellen lassen und seinen Kollegen Brodskij eingeladen. Dessen kulturpessimistische Ruinenästhetik führt Tchoban auf ein Schlüsselerlebnis der siebziger Jahre zurück, Andreij Tarkowskis Spielfilm "Stalker". In diesem Abgesang auf die technische Moderne überwuchert die Natur deren Relikte. Auch Leichen verrotten zu Mutterboden, falls sie nicht mumifiziert werden: Wie das große Vorbild der sowjetischen Kultur, das Moskauer Lenin-Mausoleum, kann Brodskijs Grabmal gleichfalls nur an zwei Tagen in der Woche besichtigt werden.

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