Lenny Kravitz live in Berlin : Auf Posen gebettet

Yeah? Na ja: Lenny Kravitz zelebrierte bei seinem Konzert in der Arna am Ostbahnhof seine größten Hits - und blieb eigenartig blutleer.

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Lenny Kravitz bei seinem Auftritt in Berlin.
Lässiger Lederjacken- und Sonnenbrillen-Hund: Lenny Kravitz bei seinem Auftritt in Berlin.Foto: dpa

Wenn man die Liste jener Künstler betrachtet, die Lenny Kravitz über die Jahre als Einfluss nannte, wird einem ganz warm uns Herz. Die Beatles finden sich da, Bill Withers, Marvin Gaye, Fela Kuti, Miles Davis, natürlich Prince. Irgendwann aber verlor der Amerikaner, der als Teenager gemeinsam mit Slash und Nicolas Cage die Schulbank in Beverly Hills drückte, diese Einflüsse aus den Augen.

Wo Kravitz vor auch schon wieder über zwanzig Jahren mit drei guten Alben und Titeln wie „Let Love Rule“, „It Ain't Over Til It’s Over“ oder „Are You Gonna Go My Way“ souverän die Balance zwischen Songwriting und großer Geste, zwischen Seventies-Rock und Motown hielt und auch gerne von anderen Künstlern gebucht wurde – unter anderem schrieb er mit Madonna das großartige „Justify My Love“ und seiner damaligen Freundin Vanessa Paradis deren drittes Album – rutschte er später Richtung angegniedelter Stumpfrock der „Wetten, dass ?!"-Schule ab. Wer jetzt erzürnt widerspricht, möge sich einfach mal „Fly Away“ anhören beziehungsweise dessen Text durchlesen. Dem Erfolg tat dieser Qualitätsabfall keinen Abbruch: „Fly Away“ war mit Nummer-eins-Positionen in den USA und England 1998 Kravitz’ größter Hit, einen Hänger hatte er nie. Zuletzt erschien im September das Album „Strut“ und erreichte immerhin Platz zwei der deutschen Albumcharts.

Lenny Kravitz verlor den Zug

Dennoch: Der Veranstalter schien im Vorfeld seine Schwierigkeiten gehabt zu haben, die Berliner O2 World zu füllen. So wurden in der letzten Woche vor dem Konzert Karten über das Bonusprogramm einer Bank verschenkt, das Essens- und Eventverschleuderungsportal Groupon bot Tickets mit erheblichem Rabatt an und besetzte so noch mehrere hundert Plätze. Auch deshalb waren die Ränge halbwegs gut gefüllt. Die große Begeisterung blieb aber zumindest jenseits des Innenraums aus, was nicht unbedingt an den Songs an sich lag. Zunächst hat die Mehrzweckhalle am Ostbahnhof traditionell ein Atmosphärenproblem. Und: Irgendwann verlor Kravitz einfach den Zug.

Wo er am Anfang mit Stücken wie „Strut“, erwähntem „It Ain’t Over Til It’s Over“ oder dem The-Guess-Who-Cover „American Woman“ ein Musterbeispiel für die gelungene Dramaturgie eines Rockkonzerts gab, überstrahlte in der zweiten Hälfte die Inszenierung der Songs die eigentliche Musik. Die Doppelhalsgitarre! Der Saxofonspieler mit seinen endlosen Soli! Die Backgroundsängerinnen!

Klar: Da saß jeder Ton, jedes Riff, jedes Lick. Lenny Kravitz spielte die Art Musik, die gemeinhin als „tight“ oder „handgemacht“ bezeichnet und häufig als Antithese zum scheinbar oberflächlichen und artifizielle Gegenwartspop gesehen wird. Natürlich passte das zu Kravitz, diesem lässigen Lederjacken- und Sonnenbrillen- Hund, der da die Bühne von links nach rechts und rechts nach links abschritt und die Soli seiner Band mit freundlichen „Yeahs“ abnickte. Stichwort Bühne: Die war in ihrer Gestaltung angenehm reduziert. Kaum Ziertand, lediglich eine Leinwand, die die Show meist leicht verfremdet in die Halle sendete.

Kunst kommt nicht vom Können

Aber: Kunst kommt eben nicht vom Können. Die vermeintlichen Insignien der Ära, auf die sich Kravitz gerne bezieht, die Philosophie des Jams, das „Lost in Music“-Gefühl des Künstlers in seinem eigenen Werk, all das wurde hier überstrapaziert. Letztendlich wirkten weite Teile des Programms wie ein Pastiche des Siebziger-Jahre-Rocks beziehungsweise dessen zweiter Blüte in den Neunzigern und damit eigenartig blutleer. Was Kravitz in seinen Songs mitteilen möchte, ob er überhaupt etwas mitteilen möchte, das ging unter.

Für Berlin fand Kravitz warme Worte, sprach von der Kreativität, die diese Stadt ausstrahle und davon, dass er Lust habe, hier mal etwas mehr Zeit zu verbringen, um an ebenjener Kreativität teilzunehmen. Womöglich treffen Sie ihn also bald an der Kasse ihres Bio-Supermarkts oder im Musikalienladen am Eck. Schlagen sie ihm vor, doch mal wieder ein Bill-Withers-Album aufzulegen.

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