Kultur : Leo Baeck: Der Lebensraum

"Was, Sie leben noch?" soll der Cheflogistiker des Judenmordes den hochgelehrten Rabbiner 1944 in Theresienstadt gefragt haben: Adolf Eichmann auf KZ-Inspektion trifft Leo Baeck, den Präsidenten der aufgelösten "Reichsvereinigung der Juden in Deutschland". Eine hintergründige Begegnung: Eichmann vertritt den deutschen Vernichtungsapparat, der weißbärtige Häftling repräsentiert die Opfer des Genozid. Er ist ein Philosoph, der zu Beginn des Jahrhunderts schon den Dialog mit dem Christentum suchte; ein Wissenschaftler, der die intellektuelle Erforschung der eigenen Tradition in Deutschland vorantrieb; ein Vermittler zwischen den Zionisten und ihren jüdischen Gegnern. Zweimal ist er von der Gestapo verhaftet worden. Seiner Familie hätte er in die Emigration folgen können. Die Geschichte des deutschen Judentums sieht er nach dem Krieg als beendet an: "So viel Mord, Raub und Plünderung, so viel Blut und Tränen und Gräber können nicht ausgelöscht werden." .

Jetzt ist "der letzte große Repräsentant des deutschen Judentums" (Enzyklopädie des Holocaust) ins Gerede gekommen, 45 Jahre nach seinem Tod. Für den Katalog einer Leo-Baeck-Ausstellung im Jüdischen Museum Frankfurt (Main) hat Hermann Simon, Direktor des Berliner Centrum Judaicum, über einen Aktenfund auf dem Dachboden der Ost-Berliner Jüdischen Gemeinde berichtet, Anfang der 80er Jahre. Bisher habe er "angesichts der enormen Verdienste" Baecks mit einer Veröffentlichung gezögert, schreibt der Historiker. Der aufgefundene 80-seitige Schnellhefter enthält Notizen, die ein Sprecher der Reichsvereinigung dem Vorsitzenden der Berliner Jüdischen Gemeinde im Jahr 1941/42 zukommen ließ. Laut Simon geht aus ihnen hervor, dass ein von Baeck und seinen Mitarbeitern verfasstes 1600-Seiten-Gutachten über "Die Entwicklung der Rechtsstellung der Juden in Europa" auf Befehl des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) erstellt wurde - und nicht für nationalkonservative Widerstandskreise, wie der aus seinem Team als einziger überlebende Baeck später behauptet hat. Hinweise auf jüdische Autoren sind in dem Gutachten mit einem "J" markiert. Während der US-Historiker Herbert Strauss nun Simon widerspricht und Baecks Selbstdarstellung unterstützt, bezweifelt der Berliner Historiker Wolfgang Scheffler wiederum die Strauss-These einer Achse RSHA - Widerstand; sein israelischer Kollege Avraham Barkai zudem hinterfragt Baecks Aussage, nach der konservative Widerständler bei ihm ein "Manifest" bestellt hätten. Hat Baecks Team etwa für Widerstand und SS zugleich gearbeitet? Ist die Erstellung eines solchen Manuskript-Konvoluts in dem halben Jahr, das die Dokumente als Zeitraum der Auftragsarbeit nennen, überhaupt vorstellbar? Wenn ja: Hat Baecks Erinnerung diese Zwangskooperation nach dem Krieg verdrängt?

Der Historiker will detailiert wissen, wie es war; den Normalbürger, der auf finstere Zeiten zurückblickt, interessiert darüber hinaus, wie das Individuum im totalitären System überlebt. Vorwürfe an Leo Baeck, er und die Reichsvereinigung hätten Deportationen ermöglicht und er selbst habe den Leidensgenossen zuletzt sein Wissen über Gaskammern verheimlicht, sind nicht neu. Tag und Nacht arbeiteteten Baeck und seine Wissenschaftler in Berlin (schreibt Simon), um durch diesen Auftrag zu überleben. Auch der in Auschwitz ermordete Schauspieler Kurt Gerron hat so "kooperiert", als er in den Theresienstadt einen berüchtigten Streifen drehte, "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt": die einzigen Film-Bilder von Leo Baeck - als Zuhörer eines NS-Propagandavortrags über "Lebensräume, die in Theresienstadt entstanden sind". Leo Baecks Lektion zeigt uns glücklichen Besserwissern, die meinen, einer totalitären Zukunft entronnen zu sein, dass auch in der tragischen Grauzone zwischen Opfern und Tätern die zentrale Frage jene nach dem Wert des Lebens bleibt: warum Sie noch leben - und wofür.

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