Kultur : Leo von Klenze: Der Baumeister eines griechischen Bayern

Bernhard Schulz

Am Alten Museum Karl Friedrich Schinkels ließ Leo von Klenze kein gutes Haar. Es sei "unarchitectonisch", "ungriechisch", ja sogar "unsittlich", weil es nicht zeige, welchem Zweck es diene, weil es den Regeln der griechischen Architektur widerspreche, indem es eine eingeschossige Kolonnade zum Lustgarten hin zeige, während das ganze Gebäude doch zweigeschossig angelegt sei, und weil es als kantiger Kasten in seiner Mitte, von außen unsichtbar, den Kuppelbau eines Pantheons berge.

Ansonsten begegnete der Münchner Architekt seinem Berliner Kollegen mit größter Hochachtung. Er kannte ihn gut, hatte doch der 1784 in Schladen im Harz geborene Klenze gemeinsam mit dem drei Jahre älteren Neuruppiner ab 1800 die Bank der Berliner Bauakademie gedrückt. Beide machten Karriere, der eine im eben erst zum Königreich erhobenen Bayern, der andere im auch nur hundert Jahre älteren Königreich Preußen. Beide genossen die Protektion ihres jeweiligen fürstlichen Auftraggebers, der jeweils erst Kronprinz war und später König wurde, und beide litten sie unter der Kehrseite solchen Gunsterweises, nämlich der Abhängigkeit und Ausbeutung. Beide waren Multitalente, sowohl in den Bezirken der Kunst als auch in den Amtsstuben der Bauverwaltung, in denen sie die Schaltstellen besetzten, und beide prägten im Laufe der Jahre das Gesicht ihrer Landeshauptstadt wie kein zweiter. Den wichtigsten Unterschied markiert das Lebensalter: Schinkel starb, von übermenschlicher Anstrengung verzehrt, bereits 1841, aber von einer ganzen Generation von Schülern und Verehrern betrauert; Klenze hingegen musste den schließlich vollständigen Verlust seiner Vorzugsstellung erleiden, ehe er, hochbetagt und hochgeehrt, aber fast vergessen 1864 in München starb.

Nun kommt es zu einer postumen Begegnung dieser beiden bedeutendsten deutschen Architekten des 19. Jahrhunderts: und zwar in besagtem Altem Museum. Die Ausstellung "Leo von Klenze. Architekt zwischen Kunst und Hof", die im vergangenen Frühsommer im Münchner Stadtmuseum gezeigt wurde (Tagesspiegel vom 24. Mai 2000), weckte den Wunsch der Staatlichen Museen Berlin nach Übernahme - und wird seit gestern, etwas reduziert, in den großzügigeren Räumen des Alten Museums präsentiert. Winfried Nerdinger, Professor an der Münchner TU und langjähriger Leiter ihres Architekturmuseums, hat die Klenze-Ausstellung als Krönung einer vor zwei Dutzend Jahren mit dem Münchner Stadtmuseum begonnenen Ausstellungsreihe zur Architektur in Bayern erarbeitet. Mit ihr und dem begleitenden, monumentalen Katalog setzt er einen Maßstab - auch für ein künftiges Berliner Architekturmuseum.

Ja, die wiedererrichtete Bauakademie Schinkels wäre der geeignete Ort, um diese vorzügliche Retrospektive zu zeigen. In diesem Bauwerk zeigte sich der "revolutionäre" Schinkel, der gern als Vorläufer einer "technologischen Ästhetik" in Beschlag genommen wird. Klenze, so das gängige Vorurteil, war demgegenüber bloß rückwärtsgewandt - ein Fehlurteil, das Nerdinger und seine TU-Mannschaft jetzt eindrucksvoll widerlegen konnten, als sie die schmiedeisernen Dachstühle seiner späten Großbauten untersuchten, vor allem in der 1842 vollendeten Walhalla, die auf Geheiß Ludwigs I. in prächtiger Hanglage über der Donau nahe Regensburg errichtet wurde. Dieser Dachstuhl ruht gar auf Walzenlagern auf (um die Dehnungen des Eisens aufzunehmen), eine Konstruktion, die man gemeinhin erst ein Jahrzehnt später vermutete. Aber Klenze versteckte diese Konstruktion, er hatte - anders als Schinkel - kein Gespür für die neue Ästhetik, die mit dem Industriezeitalter heraufkam, und den Londoner Kristallpalast, den er 1851 sah, verhöhnte er als "Baracke eines Gärtners".

Doch Klenze war ansonsten allen Neuerungen gegenüber aufgeschlossen. Seine Münchner (Alte) Pinakothek, dieser tatsächlich frühere, weil bereits 1823 in Auftrag gegebene Rivale des Alten Museums als Gründungsbau der eigenständigen Aufgabe "Museum", ist bis heute in der Meisterung des Belichtungsproblems unübertroffen. Ein Modell des einstigen Rubenssaales lässt erahnen, was Berechnungen nachweisen: dass die Konstruktion aus gläserner Dachlaterne und gewölbter Hohlkehle das Maximum an Tageslicht in die Säle leitet. In der Pinakothek empfangen kleine Säle zudem proportional dieselbe Lichtmenge wie die Hauptsäle für Rubens und Tizian.

Es reizt, die Ausstellung nach weiteren Beispielen für die "Idealkonkurrenz" von Klenze und Schinkel abzusuchen. Beider Lebenswege kruzten sich beim Projekt für das Athener Königsschloss des eben befreiten Griechenland, und auf den ersten Blick vermag man die wundervollen, aquarellierten Federzeichnungen ihrer Entwürfe aus demselben Jahr 1834 kaum zu unterscheiden. Schinkels Idee war entschieden "poetischer", er wollte den Palast auf der Akropolis und dergestalt in Zwiesprache mit der - von beiden bewunderten - Antike anlegen. Klenze hingegen wusste, dass die erhöhte, wasserlose Lage auf dem kargen Berg keinen Schutz vor Belagerungen bot und präsentierte die praktikablere Lösung. Es ist dies ein Belegstück für das Urteil über die Konkurrenten, das sich nach Klenzes Tod verfestigte und bis heute zugunsten Schinkels ausschlägt: "Jener schuf, dieser machte".

Klenzes Werk hat nie eine auch nur annähernd vergleichbare Aufmerksamkeit erfahren wie dasjenige des Berliner Kollegen. Vor der jetzigen Ausstellung gab es überhaupt erst eine einzige Retrospektive: 1884 zum 100. Geburstag. So nimmt es nicht Wunder, dass Nerdinger die Zahl der bislang publizierten Bauvorhaben Klenzes auf 195 nahezu verdoppeln konnte. Immer noch weitgehend unausgewertet sind die 10 000 Manuskriptseiten aus dem Nachlass.

Man glaubt in München bis heute das "Isar-Athen" zu erkennen, das Klenzes Förderer und Nutznießer Ludwig mit aller Energie aus dem verschlafenen Residenzstädtchen umzuformen hieß. Doch man muss in der Ausstellung erkennen, um wieviel weiter gesteckt der Klenzesche Horizont war, wieviel mehr er ersann und auch, wieviel später zerstört und allenfalls den Umrissen nach wiederhergestellt wurde.

Das gilt nicht nur für seine beiden, gleichermaßen wegweisenden Münchner Museumsbauten, die Pinakothek und die noch frühere Glyptothek als der ersten öffentlichen Skulpturengalerie mit wissenschaftlich-historischer Anordnung. Beide haben ihre reiche Ausgestaltung eingebüßt und wurden statt dessen im moralisch kargen Ziegelstein-Geist der Nachkriegszeit geflickt. Das gilt immer noch für die Allerheiligenhofkirche, die Klenze der Residenz anfügte und die nach deren weitgehend abgeschlossenen Wiederaufbau umso erbarmungswürdiger als Ruine dahindämmert. Von dem großen Achsenkreuz der Brienner und der Ludwigstraße, das Klenze vor den Toren der Altstadt ausführte, ist die Bebauung allein der letzteren noch zu erkennen. Und Jahrzehnte verstrichen, ehe der Königsplatz mit den mächtigen Propyläen wieder seine ursprüngliche Fassung zurückerhielt.

Erhalten hat sich Klenzes von Zeitgenossen bewunderte Raumgestaltung überhaupt nur in der Neuen Eremitage von St. Petersburg, die der Architekt auf dem Höhepunkt seines europaweiten Ruhmes ab 1839 entwarf und 1852 fertigstellte. Allerdings fügte dieser gewaltige Bau dem Typus des Museums keine Neuerungen mehr hinzu. In seinem Spätwerk griff Klenze vielfach auf Ideen der frühen, in engem Kontakt mit dem fordernden Kronprinzen verbrachten Jahre zurück, so bei der erst 1847 begonnenen Befreiungshalle in Kelheim, deren Fertigstellung der König zu einer Bedingung seiner Abdankung wegen Lola Montez machte.

Das ist eine weitere Überraschung der Ausstellung, dass der zeitlebens als Hüter und Erwecker griechischer Baukunst auftretende Klenze in Wirklichkeit in allen gängigen Stilen gearbeitet hat, zumeist sicherlich auf Druck des Bauherren, aber doch mit bemerkenswerter Kenntnis und Virtuosität - Florentiner Renaissance in der Residenz, normannisch-byzantinisch in der Hofkirche; nur die mittelalterliche Gotik war ihm, dem Griechenfreund, zutiefst verhasst. So ist es eine eher hintersinnige Pointe, dass die Berliner Ausstellung mit einem Nachtrag schließt: den von der hiesigen Nationalgalerie bewahrten Kartons für die Fresken der Glyptothek von Peter Cornelius. Ausgerechnet Cornelius, einer aus jener "altdeutschen Bande", als die Klenze die "Nazarener" schmähte! Ludwig aber wünschte ihn.

Gegenüber seinem königlichen Bauherrn entwickelte Klenze im übrigen eine erstaunliche Durchsetzungskraft. Schinkel, der es mit Ludwigs Schwager zu tun hatte, bewunderte ihn dafür. Die beiden stehen einander näher, als das historische Fehlurteil es wollte. Die Ausstellung möge, so Nerdinger, "die längst überfällige Anerkennung Klenzes als Gegen-, nicht als Zerrbild Schinkels bringen." Dieses Ziel hat sie bereits in München erreicht, Berlin wird es nur noch befestigen. Was nun aber aussteht, ist eine Ausstellung, die beider Werk und somit die besten Leistungen des 19. Jahrhunderts ins Licht hebt.

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