Kultur : Leonardos Geier

Am 6. Mai feiert alle Welt den 150. Geburtstag von Sigmund Freud. Bis dahin lesen wir täglich vom Pionier der Psychoanalyse

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In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns das Element des Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der Zusammenhang, in den Leonardo selbst seine Phantasie gestellt hatte, warf ein helles Licht auf die Bedeutung dieses Inhalts für sein späteres Leben. Bei fortschreitender Deutungsarbeit stoßen wir nun auf das befremdliche Problem, warum dieser Erinnerungsinhalt in eine homosexuelle Situation umgearbeitet worden ist. Die Mutter, die das Kind säugt – besser: an der das Kind saugt – ist in einen Geiervogel verwandelt, der dem Kinde seinen Schwanz in den Mund steckt. (...) Die Hervorhebung des Geierschwanzes in der Phantasie Leonardos können wir nun so übersetzen: Damals, als ich meine zärtliche Neugierde auf die Mutter richtete, und ich ihr noch ein Genitale wie mein eigenes zuschrieb. Ein weiteres Zeugnis für die frühzeitige Sexualforschung Leonardos, die nach unserer Meinung ausschlaggebend für sein ganzes späteres Leben wurde.

Aus: Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci (1910). Gesammelte Werke in achtzehn Bänden, Bd. VIII, hg. unter Mitwirkung von Marie Bonaparte von Anna Freud, Edward Bihring, Willi Hoffer, Ernst Kris und Otto Isakower, S. Fischer Verlag, 6. Auflage 1992

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