Kultur : "Leonce und Lena": Helden der Faulheit

Hartmut Krug

Das schmale Bürschchen streckt die Faust empor und ruckt mit dem ganzen Körper im Takt der dröhnenden Musik. Ganz allein ist Leonce, und sein Gesicht bleibt teilnahmslos leer. Büchners bitter-poetischer Weltschmerz ist bei ihm in der Totalentfremdung aufgegangen. Regisseur Michael Thalheimer verlegt Büchners Geschichte aus vergangener Hofgesellschaft in eine heutige Spaßgesellschaft. Leonce, Lena und Valerio sind bei ihm Zwanzigjährige von nebenan. Lebend zwischen Übersättigung und Langeweile, leidend an den Verhältnissen, begeben sie sich hinaus in die Welt. Doch zu etwas Neuem finden sie dort auch nicht.

Wenn Leonce tiefe ambrosische Nacht fordert, bekommt er nur einen von unendlich vielen Fernsehbildern durchtosten Medienhimmel. Bühnenbildner Olaf Altmann, der seit langem mit Michael Thalheimer zusammenarbeitet und diesen schon an die Bühnen von Basel, Dresden, Hamburg und Freiburg begleitet hat, gestaltet wie in der Hamburger "Liliom"-Inszenierung die Bühne wieder in einer kalten Leere. Drei schmale, sternförmig zusammenwachsende hellbraune Holzwände werden von der Drehbühne herumgeschleudert. Wenn Valerio und Leonce sie bei ihrem Ausbruchsversuch überklettern, landen sie immer nur in der nächsten leeren Zelle. Und auf einem mit Schaummatten ausgelegten Weg springt und krabbelt der höfische Präsident mit routinierter Emphase. Wir erleben - wie die Figuren - den rasenden Stillstand.

Die Welt, ein trübes Irrenhaus voller medialem Glitter und Lärm. Auf der Bühnenrückwand werden während der Aufführung unendlich viele Fernsehsender durchgezappt, ihre tonlose Bilderflut bilden den Hintergrund der Büchnerschen Parabel auf Liebe und Macht - dazu ein Potpourri aus Pop und Rock, und eine Diskokugel wirft Glitzereffekte.

Michael Thalheimer wird beim kommenden Berliner Theatertreffen gleich mit zwei Inszenierungen vertreten sein: dem Hamburger "Liliom" und der Dogma-Film-Adaption "Das Fest" aus Dresden. Thalheimer ist ein Regisseur, der gerade nicht an einem immer gleichen eigenen Stil zu erkennen ist. Allerdings sind seine Inszenierungen von einem heftigen und konzeptionellen Stilwillen geprägt. Er ist kein radikaler Stückezertrümmerer oder modischer Dekonstrukteur. Thalheimer sucht den emotionalen Gehalt von Stücken auf rabiate Weise frei zu legen. Schnell wird ihm da ein Regiekonzept zum ästhetischen Korsett. Genau das passiert bei "Leonce und Lena". Die Aufführung wirkt forciert grob und äußerlich, und mit heftiger Eindeutigkeit auch schnell langweilig.

Thalheimer inszeniert nicht Büchners Sprache, sondern gegen sie: Büchners Sätze, ausdruckslos heruntergerattert oder laut herausgebrüllt. Leonce spricht manchmal ins Mikrofon, und Lena gebärdet sich, als stünde sie immer vor der Kamera und könnte vom Teleprompter ablesen.

Nicht nur ihrer eigenen Gefühle und Wünsche sind diese Menschen verlustig gegangen, sondern auch ihrer eigenen Sprache. König Peters Rede wird in Taubstummensprache übersetzt. Und die Versuche von Menschen, aufeinander zuzugehen oder sich einander emotional anzunähern, enden allesamt im Fiasko. Es bleibt keine Hoffnung für die jungen Leute, denn sie begeben sich mit spastischer Gestik und Mimik und mit lallendem Nonsens freiwillig in die Infantilisierung. Ob sie dies nun tun, weil sie unfähig zu emotionaler Kommunikation sind, oder ob dies, wie im Programmheft behauptet, als Protest unter dem Motto "Ich spiele für die Gesellschaft ganz bewusst den Idioten" zu verstehen ist, bleibt unerheblich. Weil dieses monotone Verrückt-Spielen den Schauspielern nur leere Virtuosität abverlangt. Der Schauspieler spielt den nervtötend Dummen, und der Zuschauer langweilt sich bald nur noch.

Ohnehin haben die vielen Slapstickmomente der Inszenierung wenig mit den Figuren oder Situationen zu tun. Es sind gelungene Imponiernummern, deren Haltbarkeit bereits während der anderthalbstündigen Aufführung rapide abnimmt. So wirkt die Darstellung von Langeweile zuweilen monoton und wird selbst langweilig, trotz eines insgesamt darstellerisch beeindruckenden Leipziger Ensembles, das die Intentionen des Regisseurs mit mimisch-gestischer Expressivität umsetzt. Der Leipziger Leonce scheint wie aus Castorfs Berliner "Elementarteilchen" nach Houellebecq entsprungen. Dabei findet er keine soziale Wirklichkeit mehr vor, sondern ist selbst die soziale Wirklichkeit.

Der Einzelne, geprägt von einem öden Dasein unter der Lärm- und Bilderflut der Medien, kämpft einen vergeblichen Kampf. Eigentlich kämpft er gar nicht mehr. Deshalb gehen Valerio, Leonce und Lena vor dem Schluss auch irgendwie verloren. Leonce und Lena kehren nach einer körperlichen Annäherung, die mehr verzweifelte Prügelei denn Liebesszene ist, nicht an den Hof zurück. So muss Büchners Zusammenführung des Paares durch König Peter als Luftnummer, als dessen Erfindung ohne die realen Menschen stattfinden. Und dann ist plötzlich alles vorbei und die Bühne bleibt leer. Die Leipziger Inszenierung demonstriert gleichermaßen die Stärken wie die Schwächen des 37jährigen Regisseurs.

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